Political Futures

Maximilian Steinborn,

Über die Zukunft lässt sich bekanntlich nur eines mit Gewissheit sagen: dass sie ungewiss ist. Das mag banal klingen, macht sie in der Konsequenz aber zu einer politisch unberechenbaren Größe.

Nicht zufällig steht der politische Diskurs Zukunftsfragen, großformatigeren zumal, eher distanziert gegenüber. Nach kühnen Entwürfen oder Experimenten mit dem politisch Ungewissen sucht man derzeit jedenfalls vergebens. „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“, brachte der deutsche Altbundeskanzler Helmut Schmidt die Zukunftsverdrossenheit zeitgenössischer Politik einmal auf den Punkt. War dessen Haltung als Antwort auf die Gewalterfahrungen und ideologischen Exzesse des 20. Jahrhunderts noch historisch folgerichtig und opportun, so verfällt sie heute unter den Bedingungen von Neoliberalismus und Postdemokratie ihrerseits der Ideologie. Zum politischen common sense generalisiert, bildet sie das Fundament einer Politik der systematischen Visionsverweigerung und Zementierung des Status Quo, die mit der Zukunft zugleich auch das bedeutendste Movens der Moderne suspendiert: die Hoffnung auf ein besseres, ein solidarischeres Morgen.

Inmitten einer immer komplexeren, immer widersprüchlicheren politischen Gegenwart spielt das so entstandene „Vakuum an Zukunft“ (Harald Welzer) vor allem extrem rechten und fundamentalistischen Positionen in die Hände. An die Stelle der Zukunft tritt hier ein imaginiertes Gestern. Den ideologischen Horizont von Populismus und Neotraditionalismus bildet das Phantasma einer ethnisch homogenen, einer „völkischen“ Gemeinschaft, vereint in dem Wahn einer kulturell stabilen, historisch konstanten Identität. Narrative wie diese stellen längst keine Einzelfälle mehr dar, sondern avancieren mehr und mehr zum Standardrepertoire zeitgenössischer politischer Rhetorik. Eine Entwicklung, an der sich nicht nur die Kurzsichtigkeit bisheriger „Realpolitik“ erweist, sondern zunehmend auch die Dringlichkeit einer politischen Alternative. Welche anderen Bilder, Erzählungen, Visionen und Ästhetiken des Politischen braucht es, um die Zukunftsfrage erneut progressiv zu wenden?

Die Frage bildet den Ausgangspunkt unseres diesjährigen Diskursprogramms Political Futures.

Ziel von Political Futures ist es, einen Überblick über die vielfältigen Handlungs- und Möglichkeitsräume zu geben, die sich an den Schnittstellen von Kunst und Theorie, Kunst und Bildung, Kunst und Aktivismus, Kunst und Politik eröffnen und diese erneut für einen, wie wir behaupten, zentralen Parameter politischen und ästhetischen Denkens produktiv zu machen: die Zukunft.

Alternative, bessere Zustände zu imaginieren, Korrektive zu schaffen und Visionen zu entwerfen, wo das Bestehende alternativlos erscheint, kurz: zu zeigen, dass „das, was ist, nicht alles ist“ (Adorno), bilden seit Beginn der Moderne Kernmomente jeder progressiven künstlerischen Praxis. Mehr als ein bloßes Zeitdokument, reflektiert zeitgenössische Kunst nicht nur ihre politische und soziale Gegenwart, sondern antizipiert zugleich auch künftige Formen und Möglichkeiten des Zusammenlebens. In ihr manifestiert sich ein Potential, welches Hannah Arendt einmal als eines der „größten und grundlegendsten“ des Menschen bezeichnete: „die unvergleichliche Erfahrung, frei zu sein für einen Neuanfang“; die Einsicht, dass die Zukunft nicht in unbestimmter Ferne, sondern im Jetzt beginnt.

Wie ist das „Zukunftsbegehren“ zeitgenössischer Kunst zu bewerten? Wie wirkmächtig sind die politischen Interventionen, Einmischungen und Grenzgänge zeitgenössischer Künstler/innen? Wie kann ein wirksamer Beitrag der Kunst zur Gestaltung einer politischen Zukunft aussehen – jenseits von „Criticality“ und symbolischen Alibiprogrammen, im kritischen Bewusstsein ihrer Verantwortung ebenso wie ihrer Grenzen?

Ausgehend von den Ausstellungen Politischer Populismus (2015/16) und How To Live Together (2017) fragt die Diskussionsreihe Political Futures nach dem Status der Zukunft im Spannungsfeld von Kunst und Politik. Gemeinsam mit Akteur/innen aus Kunst, Theorie, Politik und Aktivismus wollen wir Strategien diskutieren, mittels derer die Zukunft erneut als Ressource politischen Denkens und Handelns aktiviert werden kann.

Talks in der Reihe Political Futures

Political Futures Aufgezeichnet


Kuratorin Christina Ricupero gibt in ihrem Beitrag einen Einblick in ihre kuratorische Praxis. Den Abschluss bildet ein Gespräch mit Juliane Bischoff, Kuratorin der Kunsthalle Wien, über kuratorische Strategien und Potentiale, das Format der Ausstellung als immersiven Erfahrungsraum und Medium alternativer Wissensvermittlung zu erschließen.


Philipp Ruch, Gründer und Leiter der Aktionskünstlerinnengruppe „Zentrum für Politische Schönheit“ (ZPS), spricht mit Nicolaus Schafhausen, Direktor der Kunsthalle Wien, über die Dringlichkeit politisch-moralischer Leitbilder und das Potential von Kunst, solche zu stiften und zu vermitteln. Eingangs stellt Ruch einige jüngere Arbeiten des ZPS vor.


Die Kuratorin Monika Szewczyk im Gespräch mit der Künstlerin Irina Haiduk über deren Modelabel Yugoexport (jüngst bei der documenta14 vertreten) sowie Möglichkeiten alternativer Wertschöpfung im Kunstbetrieb.


In seinem Vortrag diskutiert der Künstler Miki Kratsman anhand einschlägiger Beispiele aus seinem Œuvre die Spannungs- und Wechselverhältnisse zwischen Aktivismus und Kunst. Im Anschluss spricht er mit Vanessa Joan Müller, Kuratorin der Kunsthalle Wien, über die künstlerischen Potentiale digitaler Medien, die unkontrollierte Verselbstständigung von Bildern sowie Möglichkeiten ihrer kritischen Wiederaneignung.


In ihrem Vortrag „The Organ of the Beast“ analysiert die Kuratorin, Publizistin und Kulturwissenschaftlerin Clementine Deliss anhand einschlägiger ethnographischer Sammlungen den Status Quo des „kolonialen Museums“ in Europa und formuliert Ansätze für ein ethnographisches Museum der Zukunft.


Die Künstler Christian Falsnaes und Marcel Odenbach sprechen mit Vanessa Joan Müller über unterschiedliche Zugänge zum Begriff politischer Kunst und die Bedingungen und Grenzen von Kritik, Engagement, gesellschaftlicher Wirksamkeit und Relevanz im zeitgenössischen Kunstfeld.

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