Ana Hoffner ex-Prvulovic* & Belinda Kazeem-Kamiński

Ausstellung
22/10 2021 — 6/3 2022
Museumsquartier
Kurator*in Anne Faucheret

Die Kunsthalle Wien widmet den in Wien lebenden Künstlerinnen Ana Hoffner ex-Prvulovic* und Belinda Kazeem-Kamiński zwei Einzelausstellungen, die gleichzeitig in der oberen Halle der Kunsthalle Wien Museumsquartier zu sehen sind. Die Ausstellungen umfassen sowohl bestehende, für den Raum neu interpretierte Arbeiten als auch eigens für den Anlass geschaffene Werke.

Ana Hoffner ex-Prvulovic* nimmt die Fabrikation von Geschichte, Erinnerung und Subjektivität unter die Lupe, wobei sie* darauf besteht, dass bei diesen Prozessen das Unbewusste am Werk ist. Entlang welcher Linien von Herrschaft und Ausschluss finden diese Prozesse statt? Welche Geschichten und Praktiken werden weggefegt und ausgelöscht? Wie könnten wir die frauenfeindlichen und rassistischen Vorurteile entschärfen, die in (westliche) offizielle Geschichten und Darstellungen eingebettet sind? In ihren multimedialen Installationen, die Film, Fotografie, Objekte und Text verbinden, erzählt die Künstlerin* Geschichten von Queerness als Überlebensstrategie (im Gefangenenlager Omarska in Bosnien und in Afghanistan), von non-alignment als Ethik (und nicht nur als Geopolitik) und von Familie als Raum für bewusst gewählte Verwandtschaft. Sie* inszeniert Momente der Subversion, der Krise und des Widerstands und versucht auf diese Weise herauszufinden, wie ein zeitgenössisches Subjekt verborgene Geschichten freilegen und sich aneignen kann, um kulturellen, sozialen und psychischen Zuschreibungen zu entkommen.

In Freud Film (2019‒2021) dienen von der Künstlerin* im noch nicht umgebauten Sigmund Freud Museum in Wien gefilmte Sequenzen als Kulisse für verschiedene überblendete archivarische Film- und Textmaterialien. Das am Anfang des 20. Jahrhunderts entstandene Found-Footage-Material, das hauptsächlich aus dem Österreichischen Filmarchiv stammt, zeigt belebte Straßen in Sarajevo, den Marsch eines Infanterieregiments, die Bekanntgabe der Ermordung des Erzherzogs von Österreich und Porträts „jüdischer Blechschmiede“ und „eines türkischen Bettlers“ ‒ alles aus der Perspektive der Monarchie. Von der Künstlerin* subtil arrangiert, umreißen die zusammengetragenen Materialien die Konturen der Konstruktion einer (west-)europäischen Identität gegenüber einem exotisierten, einem „orientalischen“ Anderen. Die im Vordergrund stehenden Vignetten verdecken teilweise  den Film im Hintergrund, der Ansichten des Ausstellungsparcours im Freud Museum zeigt. Sie widersprechen so dem offiziellen Narrativ und rücken das Unbewusste der Psychoanalyse selbst in den Vordergrund: rassistische und patriarchale Vorurteile.

* an der Schnittstelle jener, die 1980 in Paraćin (Jugoslawien) geboren wurden, die 1989 versetzt wurden und 2002 die kapitalistische Staatsbürgerschaft (Österreich) mit neuem Namen erhielten.

Belinda Kazeem-Kamiński hinterfragt die Art und Weise, wie die Geschichte Schwarzer Menschen dargestellt und musealisiert wird, und setzt dabei vor allem bei der immer noch bestehenden Blindheit gegenüber den anhaltenden Folgen von Sklaverei und Kolonialisierung an. Kritische Theorie und künstlerische Praxis miteinander verschränkend, entwickelt sie Methoden und Rituale für die Auseinandersetzung und den Umgang mit den Spuren der repressiven kolonialen Vergangenheit, die dem Archivmaterial eingeschrieben sind – so versucht sie, dem Übersehenen und Unterdrückten eine Stimme zu geben.

Die Werke Kazeem-Kamińskis, die hauptsächlich mit den Medien Film, Fotografie und Installation arbeitet, sind stets von einem performativen Akt der Veränderung und Umgestaltung geprägt, der zu den Grundmomenten ihrer künstlerischen Tätigkeit gehört. In der Videoarbeit Unearthing. In Conversations (2017) performt die Künstlerin auf einer Bühne vor einem leeren Zuschauer*innenraum. Sie sitzt an einem Schreibtisch und entnimmt Pappschachteln einzelne Fotografien. Es sind Porträts, auf denen der österreichisch-tschechische kolonialistische Ethnograf Paul Schebesta mit Menschen aus dem ehemaligen Belgisch-Kongo (heute Demokratische Republik Kongo) posiert. Die Bilder, die im Rahmen von Schebestas zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts unternommenen Forschungsreisen entstanden, sind nicht mehr in ihrem ursprünglichen Zustand: Die Künstlerin hat sich verschiedener visueller Strategien bedient, um die Gewalt, die den Aufnahmen innewohnt, zu unterlaufen und zugleich eine voyeuristische Betrachtungsweise zu verhindern. Während sie mit den Fotografien hantiert, spricht Kazeem-Kamiński zu den abgebildeten Menschen und versucht, Wege zu finden, um jenseits der rassistischen Perspektive des kolonialen Archivs zu kommunizieren, wendet sich aber auch an uns – das abwesende und mitschuldige Publikum. Sie befragt gleich mehrere Schichten des kolonialen Erbes: in der Geschichtsschreibung sowie in der Verfasstheit des Blicks. Ganz am Anfang ihrer Videoarbeit hält die Künstlerin fest: „Das hier ist in Erinnerung an die, die kommen.“ Der Blick auf die Vergangenheit ist eine Möglichkeit, um nach einer anderen Zukunft zu suchen – und um von einer anderen Gegenwart zu träumen, die von den Fehlern der Vergangenheit produktiv „heimgesucht“ wird.

  
 

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Ana Hoffner ex-Prvulovic*, Still from Freud Film, Video Installation, 2019, Courtesy die Künstlerin

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Belinda Kazeem-Kamiński, Unearthing. In Conversation Filmstill, 2017, Courtesy die Künstlerin

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