Johanna Tinzl

KISS
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Zurück in Wien – Körperadaptierungen, 2016/2020

Ort und Laufzeit: Drei großformatige Plakate im Innenhof des Museumsquartiers, 1070 Wien, 2. Juli bis 9. August 2020
Die gesamte neunteilige Serie wurde als Beilage im Augustin Heft Nr. 509 (1/7 2020) veröffentlicht.

Die Praxis von Johanna Tinzl (geb. 1976 in Innsbruck, lebt und arbeitet in Wien) umfasst ein breites Spektrum von Medien und basiert auf einer sensiblen und partizipativen Auseinandersetzung mit der Geschichte bestimmter Personen, die sie mit kollektiven Erinnerungen und politisch motivierten Prozessen der Repräsentation verknüpft. Dabei gilt ihr besonderes Interesse der Sichtbarmachung prekärer Momente des Politischen an unseren Körpern und im Alltäglichen. In ihren sowohl fiktionalen wie auch dokumentarischen Zugängen und ihrer steten Bedachtnahme auf vielstimmiges Erzählen hinterfragen und konterkarieren Tinzls Arbeiten monolithische Konstruktionen von Geschichte.

Für KISS präsentiert Johanna Tinzl im Haupthof des Museumsquartiers ein Triptychon – drei Fotografien aus einer neunteiligen Serie, die im Jahr 2016 entstand. Die Arbeiten porträtieren die Holocaustüberlebende Helga Pollak-Kinsky an drei Orten in Wien: Die Stufen, die zur Praxis des Coachs ihrer Tochter führen. Die Volksschule, die sie als kleines Mädchen vor ihrer Flucht besuchte. Die Fassade des Gebäudes, in dem ihr Mann arbeitete.

Die 90-jährige Helga Pollak-Kinsky wählte für die Serie neun Orte ihrer Heimatstadt Wien aus, die für sie von Bedeutung waren, sowohl vor ihrer Flucht 1938 als auch nach ihrer Rückkehr 1957. Zusammen mit der Künstlerin kehrte sie an diese ausgesuchten Plätze zurück und vollzog Wiedersehensrituale. Angeregt durch VALIE EXPORTs Fotoserie Körperkonfigurationen (1972–1976), in der die österreichische Medienkünstlerin Präsenz und Repräsentation für den weiblichen Körper im städtischen öffentlichen Raum und in der Gesellschaft insgesamt einforderte, verhandelte Helga Pollak-Kinsky die Beziehung zu ihren „eigenen“ Orten als Frau und Überlebende neu, um so ihre Entfremdung und Ängste zu überwinden. Sie vertiefte sich in Erinnerungen, übersetzte starke Gefühle in Gesten und passte ihren Körper in seine Umgebungen ein ­– Zeichen einer Fürsorge für sich selbst ebenso wie für die Orte ihres Handelns. Die Figur der Helga Pollak-Kinsky steht da, lebt, lacht. Sie verkörpert das Älterwerden als ein „In-der-Welt-Sein“ und nicht als das einsame und unsichtbare Elend, als welches das kapitalistische System– gerade in Zeiten der Pandemie – es zeichnet.

  
 

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