Rade Petrasevic

KISS

Rade Petrasevic: What If I Never Find Out Who’s a Good Boy
Kunsthalle Wien Karlsplatz

Für das zweite Kapitel von KISS wird Rade Petrasevic ein großformatiges Wandbild realisieren – sozusagen ein Open-Air-Fries –, das sich über die gesamte Länge der straßenseitigen Glasfassade der Kunsthalle Wien Karlsplatz erstreckt. Die kurzen Zitate, die direkt oberhalb der Arbeit auf einem LED-Band zu lesen sind, kontextualisieren und konterkarieren die Bildinhalte zugleich. Die Zuordnung zur Kategorie Fries ist kein Zufall, befindet es sich doch in unmittelbarer räumlicher und auch geistiger Nachbarschaft zu einem der vielleicht populärsten Friese der jüngeren westlichen Kunsttradition: Gustav Klimts Beethovenfries (1902). Eine beachtliche Wandarbeit, welche aus einer Abfolge von mitunter surreal anmutenden Szenen besteht und von den Betrachtenden eine tiefergehende Deutung und Auseinandersetzung einfordert.

Der Titel What If I Never Find Out Who’s a Good Boy [Was, wenn ich niemals herausfinde, wer ein braver Junge ist] wurde – typisch für Petrasevic – einem populären Internet-Meme namens Introspective Pug [zu Deutsch etwa: Der selbstkritische Mops] entlehnt: Es zeigt einen Hund auf dem Rücksitz eines Autos, der nachdenklich anmutend aus dem Fenster schaut, untertitelt mit den Worten: „I don’t know man, I just … what if I never find out who’s a good boy.“

Obwohl Memes meist darauf ausgelegt sind, mit gewitzten Bild-Text-Paarungen für schnelles Gelächter zu sorgen, lässt sich auch sagen, dass sie ebenso als populär-philosophischer, kritischer Gesellschaftskommentar ihre Wirkung erzielen. In diesem Sinn ist ihr Modus Operandi durchaus mit Petrasevic’ Einsatz von Bildern und Worten verwandt.

Der Figurenreigen in Klimts Fries erzählt von „der Suche nach dem Glück, den Qualen der leidenden Menschheit“ und von „den feindlichen Gewalten, gegen die selbst Götter vergebens kämpften“. Er gipfelt in dem Schluss, dass „die Sehnsucht nach Glück durch die Poesie Erfüllung findet“ und wir nur in der „idealen Sphäre der Kunst reine Freude, reines Glück, reine Liebe finden werden“.

Im Kontext der gegenwärtigen Pandemie, die nun schon seit über einem Jahr lang gnadenlos auf uns lastet und auch in absehbarer Zeit wohl nicht abklingen wird, können diese Empfindungen unschwer als Hilfeschrei einer Gesellschaft gelesen werden, die kollektiv am Rand der völligen Erschöpfung steht und die sich mit unlösbaren moralischen Fragestellungen konfrontiert sieht, welche Opfer, aber auch Risiken unter diesen außergewöhnlichen Umständen gerechtfertigt seien.

Genau hier setzt Petrasevic’ Fries an: Seine Figuren erzählen die Geschichte von Menschen, die sich verzweifelt nach Berührung und Nähe sehnen. Merkwürdige, einsame Gestalten gehen seltsame Beziehungen mit nicht-menschlichen Entitäten ein. Sie sprechen mit ihren Pflanzen (genau wie Mutter es immer empfohlen hatte); sie sehnen sich in Tagträumen nach der warmen und fleischigen Umarmung des üblicherweise leblosen Sessels; es wachsen ihnen Shiva-artige Arme, um die nie enden wollenden Alltagsaufgaben zu bewältigen; und sie greifen ins Leere, wenn sie eigentlich Trost bei einander suchen. Am Rande des Wahnsinns taumelnd, müssen sie immerfort abwägen, wie viel Unverantwortlichkeit noch vertretbar und wie viel Verantwortung noch erträglich ist.

Im Laufe eines Jahres wurden Babys geboren, die ausschließlich ihre Eltern kennen; Einzelkinder und ihre Eltern koexistieren in fortwachsender Verzweiflung; Adoleszenzängste haben ein bisher ungekanntes Ausmaß erreicht; Studierende verbringen ihre sogenannten wilden Jahre auf Zoom; die Älteren und Verwundbaren verkümmern angesichts der vielfachen Bedrohungen und romantische Beziehungen wurden entweder in eine unmittelbare Existenz oder ins Aus katapultiert. Unterdessen hat sich die gewohnte Dichotomie von Arbeit und Freizeit in eine Zweiteilung des Lebens in Arbeit und Schlaf – oder gar Arbeit und Arbeit? – aufgelöst.

Doch dieses Abwägen der kleineren Übel wird selbstverständlich nicht nur im persönlichen Umfeld, sondern auch in der politischen Arena praktiziert. Vom medizinischen Standpunkt aus zählt jedes Leben und muss gerettet werden – so lautet der Eid –, aus einer politikwissenschaftlichen Perspektive hingegen gilt es, das zu tun, was für die Mehrheit das Beste ist.

Unvereinbar ist das.

Aber solange es der Wirtschaft gut geht, geht es der Wirtschaft gut. Soviel ist sicher.

Und wo kann in all dieser Verwirrung zwischen Verordnungen, Lockdowns und Einschränkungen die richtige Balance gefunden werden, sich nicht gänzlich bevormundet zu fühlen und auch genügend Mündigkeit zu zeigen, um noch Raum und Zeit für Vergnügen, Freude, für Erotik zu finden – in der Sexualität und Intimität, aber auch in allen anderen Aspekten der Existenz? Und das bitte mit möglichst wenig Schuldgefühlen.

Und was ist am Ende schon dabei, wenn wir niemals herausfinden, wer nun ein braver Junge, ein braves Mädchen oder ein braves Enby ist?

Rade Petrasevic (geb. 1982 in Wien, lebt und arbeitet in Wien) arbeitet mit figurativen Pseudonarrativen, in denen klassische Techniken und Genres der Malerei – wie etwa Öl auf Leinwand, Stillleben oder Aktzeichnung – eine entspannte Koexistenz mit Textmarker-Ästhetik, ungehobelten Stereotypen, leicht wiedererkennbaren kommerziellen Symbolen und Plastikduschvorhängen eingehen. Petrasevics ungeduldiger, einprägsamer Stil ist in seinen Wurzeln der Malerei verpflichtet, legt dabei aber auch einen durchaus humorvollen und lockeren Zugang zu den großen Themen der Kunstgeschichte an den Tag.

In den oft nur scheinbar simplen und unschuldigen Szenen hantiert der Künstler verspielt mit Stereotypen und Klischees und kann so auch Sexualität und Fetisch, Körpertransformation und das Spannungsfeld zwischen Privatheit und Öffentlichkeit offen ansprechen. Die leuchtenden Farben, einfachen Formen und frechen Titel ermöglichen unmittelbare Assoziationen und vielfältige Lesarten und transportieren universelle Zugänglichkeit, Wärme und Intimität.

Im Rahmen von KISS realisiert Rade Petrasevic eine neue Arbeit realisieren, die sich lose an die politisch aufgeladene Geschichte der Wandmalerei anlehnt aber in Petrasevics typisch eigenwilligen Stil sowohl Malerei wie auch Kunstgeschichte unverfroren hinaus in den öffentlichen Raum zerrt.

  
 

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