Pirate Care: Gegen die Krise

Beitrag

Valeria Graziano • Marcell Mars • Tomislav Medak

Die Konjunktur benennen

Was ist das Wesen dieser Krise? Es handelt sich um mehr als eine Reihe vorübergehender Ereignisse. Welche Geschichte hat die Krise, woher kommt sie? Wir haben sie als „Konjunktur des Neoliberalismus“ bezeichnet.
Stuart Hall

Wir leben in einer Welt, in der Kapitäne verhaftet werden, die Menschen aus Seenot retten; in der jemand, der wissenschaftliche Artikel herunterlädt, 35 Jahren Gefängnis entgegensieht; in der Menschen riskieren, angeklagt zu werden, weil sie mit Drohnen Verhütungsmittel zu Menschen fliegen, die sonst nicht an diese herankommen würden. Leute bekommen Schwie­rigkeiten, weil sie Armen Essen, Kranken Medikamente, Durstigen Wasser und Obdachlosen eine Unterkunft geben. Gleichzeitig rühmt man die Ermordung von Menschen mithilfe von Kampfdrohnen als Höhepunkt zeitgenössischer Kriegsführungstech­nik; man ermutigt Grenzkontrollen und Bürgerwehren, die unbeirrbar Migrant*innen wie Tiere zurückdrängen; und durch die gnadenlose Abschottung öffentlich finanzierter Wissenschaft werden die fettesten Profite eingefahren. Unsere Held*innen verweigern den Gehorsam und leisten Hilfe – sie sind Pirat*innen.

Pirate Care ist ein Ansatz, den der Soziologe Herbert Blumer als „sensibilisierend“ (Symbolic Interactionism, 1954), als ein noch im Entstehen begriffenes Phänomen bezeichnet hätte. In unserem Fall handelt es sich um eine Kon­stellation von Prozessen, welche die Praktiken, Einrichtungen und Vorstel­lungen der Politik gesellschaftlicher Reproduktion erschüttern.

Während die Prozesse, die wir als Pirate Care definieren, ganz unterschiedlich sein können, haben sie viele Gemeinsamkeiten, die es uns erlauben, sie zusammenzudenken: Es handelt sich durchwegs um Praktiken, die als Antwort auf die tiefgreifenden, von der globalen Herrschaft des Neoliberalismus im Bereich der Fürsorge eingeführten Veränderungen entwickelt wurden und deren Akteur*innen Gefahr laufen, verfolgt zu werden, wenn sie das Recht aller auf Fürsorge hochhalten.

 

Die mehrfache Krise der Fürsorge

Der Geldwert unbezahlter Fürsorge­arbeit von über 15-jährigen Frauen beläuft sich weltweit auf mindestens 10,8 Billionen Dollar im Jahr – was dem Dreifachen des Werts der technischen Industrie der Welt entspricht.
Clare Coffey u.a., „Time to Care“, Oxfam Briefing Paper, 2020

Der Wohlfahrtsstaat ist spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg zum vorherrschenden Entwicklungshorizont ka­pitalistischer Länder geworden. Auf Basis eines Systems von Steuern und öffentlichen Ausgaben hat es der Staat übernommen, die schädlichsten Wirkungen des Kapitalismus teilweise zu lindern, indem er einige der zwischen den gesellschaftlichen Klassen beste­henden wirtschaftlichen Ungleichheiten durch eine Form des indirekten Einkommens ausgleicht. Eine mit öf­fentlichen Mitteln finanzierte und organisierte Wohlfahrtsinfrastruktur war auch der zentrale politische Horizont sozialistischer und kommunistischer Länder. Wohlfahrt ist ein Modell, das dem öffentlichen Sektor die Aufgabe zuweist, allen Staatsbürger*innen jene Dienste zu gewährleisten, die zum Leben unverzichtbar sind: Leistungen in den Bereichen Gesundheit und Bildung, ein Dach über dem Kopf sowie Sozialhilfe für alle, die kein Einkommen zu verdienen in der Lage sind. Diese Rech­te sind von politischen Kommentatoren ausgelegt und von der öffentlichen Meinung als fundamental sowie als Be­weis gesellschaftlicher Errungenschaften und zivilisatorischen Fortschritts angesehen worden. Heute gibt es als Ergebnis der Kämpfe um das Recht auf Fürsorge eine ganze Bandbreite von das soziale Leben organisierenden Einrichtungen wie Krankenhäuser und Pflegeheime, Kindergärten und Schulen, Jugend- und Freizeitzentren, öffentliche Büchereien und Museen.

Das staatliche Fürsorgemodell war jedoch auch der Kritik ausgesetzt. Feministische, schwarze und Behinderteninitiativen etwa griffen paternalistische und diskriminierende Leistungssysteme an und lehnten jene Komponenten des Wohlfahrtsstaats ab, die am meisten Zwang und Kontrolle ausübten, hielten aber nach wie vor an aus öffentlichen Mitteln finanzierten Fürsorgemaßnahmen fest.

Der Neoliberalismus, der in den 1970er-Jahren als Reaktion auf den wachsenden Anteil des durch direkte und indirekte Formen der Entlohnung Arbeitern und ihren Familien zufallenden gesellschaftlichen Wohlstands entstand, fasste die Aufgabe des Staats unterschiedlich: Statt Fürsorge zu gewährleisten, kommt – so der Neoliberalismus – dem Gemeinwesen die Rolle zu, jede Einrichtung und jeden Lebensbereich so zu reorganisieren, dass sie sich als „Markt“ darstellen. Die Anhänger des Neoliberalismus glaubten daran, dass der Markt der wirksamste Verteilungsmechanismus und daher auch die beste Form der Gewährung von Fürsorge ist. Glücklicherweise waren und sind nicht alle dieser Meinung: Der Neoliberalismus wurde weithin kritisiert und von sozialen und politischen Bewegungen auf der ganzen Welt bekämpft. Im Lauf der letzten fünfzig Jahre hat er jedoch weiterhin den politischen Horizont beherrscht, was zu zunehmenden Ungleichheiten zwischen Arm und Reich 01 und zu einer sich ausbreitenden neokolonialen Ausbeutung in den ärmsten Regionen der Welt geführt hat. Die Herrschaft des Neoliberalismus wurde zudem auch für ihr wiederholtes Versagen verantwortlich gemacht, sich den schwerwiegenden Umweltproblemen zu stellen, denen wir uns heute gegenübersehen. Wie viele feministische Kommentator*innen angemerkt haben, lässt sich der Klimawandel als eine der vielen Dimensionen der kapitalistischen „Fürsorgekrise“ verstehen, die auf die Lebensqualität von Milliarden Menschen auf der Erde Einfluss nimmt.

Wenn Theoretiker*innen des Neoliberalismus auch oft für eine radikale Beschneidung des Steuer- und öffentlichen Fürsorgesystems eingetreten sind, haben entsprechende Reformen in der Praxis häufig zu einem ganz anderen Ergebnis geführt. Diese dienten und dienen dazu, eher die Einführung einer anderen „Rolle“ öffentlicher Dienst­leistungen denn eines Abbaus staatlicher Eingriffe zu rechtfertigen – weg vom Ideal eines Allgemeinwohls hin zu einem System der Sozialhilfe, in dem Grundvoraussetzungen zum Leben als Instrument der Bestrafung der Armen und als Mittel der Regulierung und Kontrolle der Schwächsten fungieren. Die Verantwortlichkeit wurde vom versagenden kapitalistischen Markt auf die Individuen verschoben, denen man vorwirft, dass sie nicht in der Lage seien, jene Probleme zu lösen, die nach wie vor struktureller Art sind.

Tatsächlich sind diese „überflüssigen“ Teile der Bevölkerung – also all jene, die für den Markt weder als Arbeitskräfte noch als Konsument*innen interessant sind – die neuen Zielgruppen des punitiven Neoliberalismus. Die am dringlichsten auf Fürsorge Angewiesenen (Arbeitslose, Angehörige des Prekariats, Erwerbsarme, Strafentlassene, Ältere und Junge, Kranke und Behinderte, Minderheiten und Asylwerber*innen usw.) werden heute in bürokratische Strukturen verstrickt, endlosen Einstufungsprozeduren unterworfen und dazu gezwungen, immer wieder ihren potenziellen Wert (für den Markt) und ihren moralischen Charakter zu belegen, um als Belohnung Zugang zu ele­mentaren Rechten zu erhalten.

Die Neuorganisation der Fürsorge hat in den Gesellschaften einen neuen Konservativismus durchgesetzt. Die Kirche und andere auf Glauben beruhende Gemeinschaften konnten so zu Dienstleistern in einem Bereich werden, der als „Fürsorgeindustrie“ bekannt werden sollte, während der Familie die Rolle des vorrangigen Orts der Fürsorge und Verantwortung für die Angehörigen übertragen wurde. Das hat, wie man allgemein weiß, zur Folge, dass ein größerer Teil der notwendigen Reproduktionsarbeit unentgeltlich erledigt und zum großen Teil Frauen aufgebürdet werden soll, was eine Stärkung reaktionärer Geschlechterrollen und -hierarchien nach sich zieht.

Der Neoliberalismus hat nicht nur die gesellschaftliche Reproduktion in Wohlfahrtsstaaten durch Strafmaßnahmen vom Markt abhängig gemacht, sondern auch in postkolonialen und sozialistischen Gesellschaften auf der ganzen Welt die Hoffnung auf Entwicklung zerstört. Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass eine wachsende Weltbevölkerung Wege sucht, dem Elend zu entkommen, sich vor Krie­gen in Sicherheit zu bringen und in wohlhabenderen Nationen eine bessere Zukunft zu finden. Das hatte eine Verschärfung der Grenzkontrollen und eine Kriminalisierung von Migrationsströmen zur Folge. Während wir uns einem Kipppunkt des Klimawandels nähern, erfährt das Leben der „überschüssigen“ Bevölkerungsteile der Welt eine derartige Geringschätzung, dass sich die militärische Unterdrückung von Migration als billigste Form des Umgangs mit ihr erwiesen hat.

 

Fürsorge als Ungehorsam

Die Welle von Verbrechen, zu den falschen Menschen zu nett zu sein.
Bruce Sterling

Fürsorgearbeit will die Freiheit einer anderen Person bewahren und erweitern.
David Graeber

Wir haben hiermit einige der historischen Entwicklungen skizziert, die uns die Notwendigkeit der Entstehung von Praktiken verstehen lassen, die wir als Pirate Care bezeichnen. Der Begriff verdichtet zwei gegenwärtig besonders auffällige Prozesse. Einerseits werden im Gefolge der geopolitischen Neuordnung und der Vermarktung von Sozialleistungen elementare, einst als Eckpfeiler des gesellschaftlichen Le­bens erachtete Fürsorgemaßnahmen in die Illegalität abgedrängt. Anderer­seits formieren sich gleichzeitig neue, oft durch technologische Fortschritte möglich gewordene Netzwerke, die sich dieser Illegalisierung und Marginalisierung entgegenstellen.

Vor dem Hintergrund institutionalisierter Vernachlässigung lässt sich eine immer größer werdende Welle von Mobilisierungen und Formen des Widerstands im Bereich Fürsorge beobachten, die eine Reihe von grundsätzlichen Bedürfnissen ansprechen: so etwa die jüngste Kampagne Docs Not Cops im Vereinigten Königreich, in deren Rahmen sich Ärzte weigern, bei zu behandelnden Migrant*innen eine Überprüfung der Dokumente vorzunehmen; Schiffe für die Seenotrettung von Migrant*innen (wie jene von Sea-Watch), die der Kriminalisierung von im Mittelmeer tätigen NGOs trotzen; der wachsende Widerstand gegen Obdachlosigkeit durch Besetzungen von Häusern, die Spekulanten ungenutzt lassen (wie die PAH – Plataforma de Afectados por la Hipoteca in Spanien); die Missachtung von Gesetzen, die Obdachlosigkeit zum Rechtsbruch machen (wie die Reform in Ungarn im Oktober 2018); oder Verordnungen von Stadtgemeinden, die Hilfsmaßnahmen im öffentlichen Raum kriminalisieren (wie im Fall der 2017 verhafteten Freiwilligen der Initiative Food Not Bombs).

In Griechenland wächst die Zahl der durch die Solidaritätsbewegung ins Leben gerufenen Basiskliniken, die auf die drakonischen Einschnitte der Regierung reagieren, indem sie Personen ohne private Versicherung medizi­nisch behandeln. In Italien haben dem Prekariat zuzurechnende Eltern ohne Zugang zu staatlicher Kinderfürsorge eigene Privatkindergärten organisiert. In Spanien hat das feministische Kollektiv GynePunk ein Instrumentarium zur gynäkologischen Selbstdiagnose entwickelt, um allen Menschen, die von diesen Leistungen der Gesund­heitsfürsorge ausgeschlossen sind (wie Transfrauen, Drogenkonsument*innen und Sexarbeiter*innen), einfache Untersuchungen ihres Körpers zu ermöglichen. Inzwischen hat das Kollektiv Women on Waves Frauen in Ländern, in denen es keine entsprechenden Mög­lichkeiten gibt, sichere Empfängnisverhütungs- und Abtreibungsoptionen zugänglich gemacht und zu diesem Zweck teils, wie echte Care Pirates, in internationalen Gewässern vor Anker gegangene Schiffe verwendet.

Wir hielten es für notwendig, diese Pirate-Care-Praktiken zu kartografieren und zusammenzudenken, weil wir das Gefühl haben, dass sie eine überzeugende politische Vision für die Gegenwart eröffnen, auch wenn sie schon lange bestehende Praktiken der Solidarität und wechselseitigen Hilfe aufnehmen und fortschreiben. Unser Projekt versucht auch, diesen Praktiken durch Unsichtbarkeit Schutz zu bieten. Die Initiativen operieren häufig unter ausdrücklicher Nichtbefolgung von Gesetzen, Regelungen und Durchführungsverordnungen, die Menschen nach Kriterien der Klasse, des Geschlechts, der Ethnie oder der Staatszugehörigkeit ausgrenzen. Sie scheuen nicht vor der Gefahr zurück, strafrechtlich dafür belangt zu werden, dass sie sich jenen gegenüber bedingungslos solidarisch verhalten, die am meisten ausgebeutet, diskriminiert und als überflüssig betrachtet werden. Wir wollen auch für – vor allem kulturelle – Einrichtungen die Trommel rühren, um Wege zu finden, solche gemeinschaftlichen Bottom-up-Fürsorgemaßnahmen zu unterstützen statt zu ersticken.

Uns liegt daran, von und gemeinsam mit Akteur*innen zu lernen, die ebenfalls eine Pirate-Care-Strategie verfolgen, das heißt, ethische Anliegen für das Wohlbefinden aller – vor allem das der am meisten unterdrückten Gruppen – damit verbinden, mit Werkzeugen und Techniken zu experimentieren, die für die Organisation von Kollekti­ven nützlich sind. Wir haben festgestellt, dass in vielen kulturellen und universitären Räumen Diskussionen über nur einzelne isolierte Themen stattfinden. Wir wollten dagegen einen Raum für Gespräche schaffen, die gleichzeitig mehrere Aspekte der gesellschaftlichen Reproduktion ins Auge fassen.

 

Einen Syllabus erstellen

Wir müssen bewusst liebevoll miteinander umzugehen lernen, bis das zur Gewohnheit wird.
Audre Lorde

Der Syllabus ist das Manifest des 21. Jahrhunderts.
HyperReadings.info

Um verschiedene Pirate-Care-Praktiken zusammenzubringen und der Öffentlichkeit die damit gegebenen Erkenntnisse und Organisationserfahrungen vorzustellen, haben wir uns entschlossen, uns aus der Perspektive der Radikalpädagogik mit den einschlägigen Initiativen zu beschäftigen, sie vorzustellen und gemeinsam mit deren Akteur*innen einen Syllabus zum Thema Pirate Care zu erarbeiten.

Anregen ließen wir uns vom Phänomen #syllabi, das erstmals um 2014 zu beobachten war, als mit Bewegungen für soziale Gerechtigkeit verbundene Akteur*innen aus dem Bildungsbereich den Hashtag als Instrument zu verwenden begannen, Materialien zu sammeln, um auf mehrere gewalttätige Ereignisse zu reagieren: #FergusonSyllabus sprach den rassistischen Hintergrund der Erschießung Michael Browns durch einen Polizisten an; der von The New Inquiry erstellte Überblick zum Thema Spielen und Feminismus war eine Antwort auf die frauenfeindlichen Angriffe von Teilen der Spielcommunity auf Zoë Quinn, Brianna Wu und Anita Sarkeesian (#gamergate). Kurz darauf wurden die Syllabi #Trump 101 and #Trump 2.0 zusammengetragen, um die politischen Implikationen der Wahl Trumps zum Präsidenten zu beleuchten, während #StandingRockSyllabus ein wirkungsvolles Instrument zur Kommunikation der Anliegen der größten Versammlung der Ureinwohner Amerikas in den letzten 100 Jahren bereitstellte, welche die ökologische Verwüstung durch die Dakota Access Pipeline anprangerte. Seit damals zirkulieren viele weitere, teils sich Crowdsourcing verdankende, teils von einzelnen Autor*innen stammende Online-Syllabi, die sich mit verschiedenen politischen Krisen auf der Welt beschäftigen und eine Erneuerung der politischen Pädagogik sowohl innerhalb als auch außerhalb offizieller Bildungsorte einfordern. Dieses Phänomen hat unsere Arbeit entscheidend geprägt, weil es uns half, die Aufmerksamkeit auf die Idee zu richten, dass viele der großen gesellschaftlichen Fragen, mit denen wir konfrontiert sind, in pädagogischen Prozessen angesprochen werden müssen, die eines in den spezifischen Zusammenhängen verankerten Engagements und eines großzügigen Zeitbudgets bedürfen.

Im November 2019 organisierten wir eine von Drugo More (Rijeka, Kroa­tien) moderierte Klausur, in deren Rahmen eine erste Fassung des Pirate Care Syllabus verfasst werden sollte. Der Überblick wurde gemeinsam mit Laura Benítez Valero, Emina Bužinkić, Rasmus Fleischer, Maddalena Fragnito, Mary Maggic, Iva Marčetić, zwei Mitgliedern des Kollektivs Power Makes Us Sick, Zoe Romano, Ivory Tuesday und Ana Vilenica erstellt. Diese Mitwirkenden engagieren sich für feministische Ansätze bei Maßnahmen reproduktiver Gesundheitsfürsorge, für autonome Ansätze im Bereich der psychischen Gesundheitsfürsorge, für die Gesundheit und das Wohlergehen von Transgenderpersonen, den freien Zugang zu Wissen, für Wohnkonflikte, gemeinschaftliche Kinderbetreuung, Solidarität mit Migrant*innen, für die Sicherheit der Gemeinschaft und antirassistische Organisationsformen.

Der Pirate Care Syllabus ist kein Crowdsourcing geschuldetes Dokument, das aus einer sozialen Bewegung hervorgegangen wäre, sondern – bescheidener – ein in Zusammenarbeit entstandenes Instrument, das jene Texte und Dokumente versammelt, die Akteur*innen hilfreich fanden, um einen kollektiven Lernprozess über die Krise in Gang zu setzen, auf die sie mit ihren Aktionen reagiert haben. Es ist nicht der, sondern ein Pirate Care Syllabus, ein Überblickswerk, das sich im Lauf unseres Aufenthalts in Wien weiterentwickeln wird. Indem wir das Dokument so gestalten, dass es sich teilen und in sich umordnen lässt, hoffen wir, dass sich unterschiedliche Aktivitäten gegenseitig anregen und einander auf diese Weise stärken können.

Technisch gesehen ist die Entwicklung von Instrumenten und Arbeitsabläufen für den Syllabus eine Fortsetzung unserer Beschäftigung mit der Schattenbibliothek des Memory of the World – Projekts. Als Amateurbibliothekar*innen wollen wir einen sorgfältig gepflegten Katalog digitaler Texte allgemein zugänglich machen und damit Dokumente zur Verfügung stellen, die sich hinter einer Paywall befinden oder noch nicht digitalisiert sind. (Man sollte sich dessen bewusst sein, dass Schattenbibliotheken in den Bereich Pirate Care fallen, weil sie, entgegen den Urheberrechtsbestimmungen, das tun, was öffentliche Bibliotheken nicht dürfen.) Mit den Instrumenten und Arbeitsabläufen unseres Überblicks wollen wir einen technischen Rahmen und pädagogischen Prozess anbieten, die es anderen ermöglichen können, diese Ressourcen für ihre eigenen Lernprozesse einzusetzen und an ihre Bedingungen anzupassen. Der Überblick, der für den Verlauf bestimmter Kämpfe wichtige digitalisierte Dokumente enthält, soll problemlos erhalten werden können und mit entsprechend aktualisierten und katalogisierten Sammlun­gen von Texten zum Thema verknüpft angeboten werden.

Um das zu gewährleisten, haben wir bestimmte technische Entscheidungen getroffen. Im Rahmen unseres Systems entsteht ein Syllabus aus Klartextdokumenten, die in einer sehr einfachen und leicht lesbaren Markdown-Auszeichnungsprache geschrieben sind und auf einer statischen HTML-Website wiedergegeben werden, die keines ressourcenintensiven und leicht zu knackenden Datenbanksystems bedarf. Dank einer Git-Versionsverwaltung können diese Dokumente gemeinsam bearbeitet werden und lassen unkomplizierte Verzweigungen zur Erstellung neuer Versionen zu. Ein solcher Überblick kann auch auf einem Internetserver gehostet und über einen USB-Stick offline verwendet und geteilt werden, wobei die angelegten Verlinkungen zwischen den Dokumenten und zu den Texten in der begleitenden durchsuchbaren Quellensammlung bestehen bleiben.

Wir betrachten solche Syllabi als Formen differenzierterer Manifeste, die uns helfen können, die sich abzeichnende gefährliche Zukunft zu überleben. Während die lohnendsten Aspekte der Fürsorge für die Wenigen privatisiert und ihre härtesten Komponenten wie Überwachung, Konformität und Zwang für die Vielen neu verteilt werden, sehen wir uns mit der Notwendigkeit konfrontiert, uns Wissen anzueignen, das uns dabei zu unterstützen vermag, Fürsorgemaßnahmen zu einem aufrührerischen, den Bedürftigen zukommenden Gemeingut zu machen.

https://pirate.care

01 Das reichste Prozent der Weltbevölkerung besitzt mehr als das Doppelte des Reich­tums von 6,9 Milliarden Menschen. Quelle: Laura Addati u.a., Care Work and Care Jobs for the Future of Decent Work, Genf: International Labour Organization 2018; https://www.ilo.org/wcmsp5/groups/public/—dgreports/—dcomm/—publ/documents/publication/wcms_633135.pdf (12.02.2020).

  
 

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