Leseempfehlungen … von Brot, Wein, Autos, Sicherheit und Frieden

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Laura Amann, kuratorische Assistentin der Kunsthalle Wien, verrät uns ihre persönlichen Empfehlungen für drei Bücher, die als Referenzen zur Ausstellung … von Brot, Wein, Autos, Sicherheit und Frieden gelesen werden können. Die Auswahl schafft eine lose Verbindung zwischen dem Verständnis, welche Rolle Ausbeutung beim Aufbau unserer Gesellschaften spielt, sowie dem Vergleich anarchistischer und kapitalistischer Modelle menschlicher Beziehungen mittels Science-Fiction und einem im Bereich des Öko-Feminismus angesiedelten Romans, der das Ende binärer Denkstrukturen vorhersagt.

1# Die offenen Adern Lateinamerikas (Open Veins of Latin America), geschrieben von Eduardo Galeano, wurde 1971 erstmals veröffentlicht und gilt immer noch als Standardwerk für die lateinamerikanische Geschichte nach Columbus. Im Stil eines fesselnden Romans verfasst, erspart uns Galeano trockene historische Daten und schildert das Geschehen aus einem gänzlich anderen und dringend notwendigen Blickwinkel, als jenem, den wir in unseren euro-zentristischen Bildungssystemen gewohnt sind. Es werden „fünf Jahrhunderte der Plünderung eines Kontinents“, nämlich Lateinamerikas, eindringlich aufbereitet und schrittweise erklärt, warum „unser“ Wohlstand in Europa auf gewalttätigen Strategien – geprägt von Genoziden, ausbeuterischen Handelsabkommen und einer Reihe mörderischer, von den USA gestützter Diktatoren – beruht. Gerade im österreichischen Kontext, der sich gerne distanziert und von jeglichen „kolonialen“ Aktivitäten ausnimmt, ist es umso wichtiger zu begreifen, dass unsere „entwickelten“ Länder auf dem Rücken und Leid anderer aufgebaut wurden, und daher die Benachteiligung dieser genauso in unserer Verantwortung liegt.

2# In ihrem Science-Fiction-Roman Freie Geister (The Dispossessed) beschreibt die Autorin Ursula K. Le Guin die Koexistenz zweier radikal unterschiedlich funktionierender Gesellschaften auf benachbarten Planeten. Obwohl sie wirtschaftlich voneinander abhängig sind, halten sie strengen Abstand zueinander. Die Anarchisten fürchten sich vor hierarchischen bzw. kapitalistischen Ideen und umgekehrt. In einem  Ausnahmefall darf ein Physiker die ansonsten streng geschlossene Grenze überschreiten, um eine bahnbrechende Technologie zu entwickeln. Le Guins geschickt konzipierte Erzählung sowie die Beschreibungen der inneren Konflikte der Hauptfigur laden uns ein, zahlreiche anarchische wie kapitalistische Ideen, die sich mit dem Zusammenleben, Familienmodellen, sexuellen Beziehungen, Besitz und gesellschaftlichen Organisationsformen im Allgemeinen beschäftigen, neu zu betrachten und zu überdenken. Denn, wie eine der Figuren im Roman poetisch erklärt, ist „unsere Erde deren Mond, und unser Mond deren Erde.“

3# Die Wand von Marlen Haushofer ist ein eindrücklicher Roman, der sich getarnt als simples Tagebuch, allmählich entfaltet. Er beschreibt den Alltag einer Frau, die auf einer Hütte in den Bergen gefangen und durch eine unsichtbare Wand vom Rest der Welt abgeschnitten ist. Ihre einzigen Begleiter in dieser Situation sind ein Hund, eine Katze sowie eine Kuh und deren Kalb. Die Protagonistin beschreibt, wie die Situation sie dazu zwingt sich selbst, aber auch ihren Umgang zur Umwelt radikal zu ändern – nicht nur, um zu überleben sondern um in erster Linie ihre körperliche und geistige Gesundheit zu bewahren. Fast unheimlich in seiner Relevanz – noch mehr in Zeiten der Quarantäne –, ist es schwer, dieses Buch nicht als frühes öko-feministisches Werk zu verstehen, welches das moderne Leben kommentiert, indem es  dessen Ende beschreibt. Zwischen einem utopischen Paradies und einem dystopischen Albtraum oszillierend, macht der Roman deutlich, dass unser Überleben nur dann möglich ist, wenn wir es schaffen binäre Zuschreibungen wie Mensch – Tier, männlich – weiblich, Kultur – Natur, Kolonisator und Kolonisierte endlich abzulegen.

4# Der persönliche Lesetipp der kuratorischen Assistentin Aziza Harmel ist Im Herzen des Herzens eines anderen Landes von Etel Adnan – ein Buch, das sie vor kurzem gelesen hat und als sehr inspirierend empfand.

Gleich einem Palimpsest überlagern sich die Textschichten in den sieben Abschnitten dieses Buches. Sie reichen von den 1970er-Jahren bis zur Gegenwart, angeregt von William H. Gass‘ gleichnamigem Band mit Kurzgeschichten: So schrieb Adnan den ersten Teil ihrer Sammlung von Prosaminiaturen anlässlich der Rückkehr aus dem kalifornischen Exil nach Beirut im Jahr 1972. Adnan nutzte Schlagworte – Menschen, Orte, Wetter, der/die Gleiche, der/die Andere, Kirche, Politik – um sich zu ihrem assoziativen Schreiben anregen zu lassen: „Youssef el Khal sagte eines Tages, ich sei eine Dichterin. Ja, ich bin die Dichterin im Herzen der Stadt. Ein Punkt. Ich bin die Dichterin des Hier und Jetzt. Aber da ich eine Frau bin, bin ich unsichtbar.“

Das Buch wurde in zahlreiche Sprachen, auch ins Deutsche und Englische, übersetzt.

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