Cruising the Archive [Im Archiv cruisen]

Workshop
15/12 2022 17 — 20 Uhr
Karlsplatz

Workshop mit Laura Nitsch im Rahmen der Ausstellung Einstweilen wird es Mittag

Alle Teilnehmer*innen erhalten für ihre Workshop-Teilnahme eine Aufwandsentschädigung in Höhe von € 90 – damit soll interessierten Personen, die in prekären Umständen leben, das Freihalten ihrer Zeit für die Workshop-Dauer erleichtert werden.

Wir bitten um rechtzeitige Anmeldung unter besucherservice@kunsthallewien.at oder direkt an der Kassa der Kunsthalle Wien Museumsquartier. Die Teilnehmer*innenzahl ist begrenzt. Wir bitten alle Interessierten darum, bei der Anmeldung einen Fragebogen auszufüllen, damit wir den Workshop entsprechend planen können.

Der Workshop wird je nach Bedarf auf Englisch und/oder Deutsch stattfinden.

Mittels der Methode des Cruisens als einer mobilen Praxis, bewegt vom eigenen Begeh­ren, wollen wir uns in diesem Workshop mit seltenen Archivdokumenten aus der Zeit von 1910 bis 1934 befassen, die Einblicke in lesbische Begegnungen in der Wiener Arbeiter*innenklasse geben.

Zunächst gibt die Künstlerin-Filmemacherin Laura Nitsch Einblicke in ihren letzten Kurzfilm VIOLETT (2020–heute) und präsentiert eine Auswahl von Archivmaterialien, die das Werk geprägt haben. Im Mittelpunkt desselben steht der Fall der Wiener Arbeiterinnen Karoline Wieser und Ludmilla Horvath, die beim Spazieren­gehen unter dem Vorwurf zu „vagabun­dieren“ festgenommen wurden. Die Polizei benutzte diesen Begriff, um Arme und Ange­hörige der Arbeiter*innenklasse zu diszipli­nieren und das Spazieren und Lustwandeln im öffentlichen Räumen als Landstreiche­rei zu kriminalisieren. Unter polizeilichem Druck gestanden Wieser und Horvath ihre Liebesbeziehung und wurden inhaftiert. Mit Bezug auf Saidiya Hartman, eine auf afro-amerikanische Literatur und Kultur­geschichte spezialisierte Wissenschaftlerin und Autorin, „fabuliert“ VIOLETT über das, was nicht gesagt oder gezeigt wurde oder werden konnte, aber dennoch geschehen sein könnte. Der Film versucht eine unhe­roische, komplexe, queere Liebesgeschichte aus der Arbeiter*innenklasse zu erzäh­len, bleibt aber zugleich diffus und offen.

In Anerkennung der Tatsache, dass die eigene sozioökonomische Situation nicht nur die Art beeinflusst, wie wir mit unserem Begehren umgehen, sondern auch die Weise, in der wir unsere Leben dokumentieren, archivieren und erinnern, herrscht ein Mangel hinsichtlich der Historie der queeren Arbei­ter*innenklasse. In diesem Workshop werden wir versuchen, unsere kollektive resiliente Vorstellungskraft zu aktivieren – eine Vor­stellungskraft, die uns in die Lage versetzen kann, Wiesers und Horvaths Geschichte auch über die Archivdokumente hinaus zu erfühlen und zu erzählen. Gemeinsam werden wir anhand der gegebenen Fakten fabulieren und zugleich über die Narrative nachdenken, die wir kollektiv bewohnen, miteinander teilen und nacherzählen. Wir wollen uns mit dem Archivmaterial befassen und diese Auseinandersetzung zugleich beweglich und widersprüchlich sein lassen und dieselbe Geschichte viele Male auf unterschiedliche Weise erzählen.

Laura Nitsch ist bildende Künstlerin, Filmemacherin und Kamerafrau und lebt in Wien und Berlin. Beeinflusst von Erzählungen über soziale Klasse und Queerness interessiert sie sich für Praktiken des Geschichtenerzählens, der Bewegtbildproduktion und Archivierung – während sie in ihrem dokumentarischen Ansatz Gegenerzählungen und Spekulationen einsetzt.

Ihre Arbeiten kursieren u.a. im Mumok Wien, der Kunsthalle Bern, der NGBK Berlin, Grey Noise Dubai, dem Kunstraum Niederösterreich, im Blickle Kino Belvedere 21 Wien und im Internet. 2020 erhielt Laura Nitsch den Theodor-Körner-Preis.

 

Ausstellung