Den Elefanten berühren: Praktiken und Politiken der sozialen Distanz_ierung

Gespräch
30/9 2020 — 1/10 2020 14 — 18 Uhr
Museumsquartier

Eine Gesprächsperformance in der Ausstellung … von Brot, Wein, Autos, Sicherheit und Frieden

Mit Katalin Erdődi, Vlatka Frketić, Dan Christian Ghattas, Ursula Hofbauer, Araba Evelyn Johnston-Arthur, Jet Moon, Marika Schmiedt, KT Zakravsky/ZAK RAY

Konzept und Moderation: Persson Perry Baumgartinger und Andrea Hubin

In der letzten Woche der Ausstellung … von Brot, Wein, Autos, Sicherheit und Frieden laden wir zu einer Gesprächsreihe mit Teilnehmer*innen aus Aktivismus, Kulturproduktion, Denkpraxis und Performance, um uns dem Begriff des „Social Distancing“ aus verschiedenen Blickwinkeln kritisch anzu„nähern“. Nicht nur wegen der verschiedenen Sicherheitsauflagen wird die Veranstaltung zu einer Versuchsanordnung im Sinne einer geteilten, also einer gemeinsamen wie auch zersplitterten, Erfahrung von Nähe und Distanz. Denn dass Kunstausstellungen soziale Orte sind und dementsprechend für Gespräche und kollektive Aktionen genutzt werden, war schon vor Corona keine Selbstverständlichkeit. Die Frage ist vielmehr: Stand der Babyelefant (= die österreichische Maßeinheit für Abstandsregeln) sprichwörtlich nicht schon immer im Raum – und zwar nicht nur im Kunstfeld? Müssen wir nicht eher davon ausgehen, dass „Social Distancing“ für viele Gesellschaftsgruppen schon länger eine Alltagserfahrung ist?

Diese Fragen stellen sich auch in Bezug auf die aktuelle Verwendung des Begriffs „Social Distancing“: „Sozial-Sein“ braucht nicht unbedingt physischen Kontakt, Berührung oder Nähe im Hier und Jetzt. Allerdings drücken sich Ungleichheit und Machtverhältnisse auch als räumliche Konstellationen aus; so schreibt der Soziologe Richard Sennett: „In der alltäglichen Erfahrung wird aus ökonomischer Ungleichheit soziale Distanz.“ Praktische Schwierigkeiten bei der Einhaltung der behördlichen Vorschriften und der Befolgung von Präventivmaßnahmen treffen so in vielen Fällen von der Mehrheitsgesellschaft bereits marginalisierte Gruppen. Und sogenannte „Risikogruppen” sind oft nur zu gut mit der Notwendigkeit vertraut, sich zurückzuziehen und gutgemeinte Einladungen dankend abzulehnen, wenn soziale Räume nicht nach den Anforderungen für ihr Wohlergehen modelliert sind. Der Technokulturtheoretiker Nishant Shah spricht davon, dass das Versprechen der Intimität auch eine Drohung sein kann – und meint damit, dass Nähe und Berührung weder notwendigerweise safe spaces generieren noch frei von Privilegien und Macht sind.

Die Gespräche wollen diese politischen Zusammenhänge, in denen sich Strukturen des Ausschlusses und der Ungleichheit als Distanz ausdrücken, in den Blick nehmen und individuelle Reaktionsmöglichkeiten in Form von Abstands-Praktiken zwischen Selbstverteidigung und Selbstermächtigung diskutieren.

Alle Gespräche finden IN der Ausstellung am Raum-der-Fragen-Tisch statt, dennoch wird auf ein Gruppengespräch bewusst verzichtet. Jeweils zwei Gesprächspartner*innen nehmen am Tisch Platz, internationale Gäste werden über Zoom zugeschaltet. Das Publikum kann sich seinen Platz im Raum frei suchen, durch die Ausstellung wandern oder die Gespräche ausschließlich per Stream konsumieren sowie vor Ort über einen ausgewählten Kanal, ein Dosen-Telefon, Fragen einbringen.

„Ein echtes Gespräch ist […] erst ab einer Entfernung von sieben Metern möglich”, sagt der Stadtplaner Jan Gehl. Welche Spielräume, Verstecke und Dehnbarkeiten hält diese Kontaktzone bereit?

Termine
Mittwoch, 30/9 2020, 14–18 Uhr
Donnerstag, 1/10 2020, 14–18 Uhr

Die Veranstaltung findet in deutscher und englischer Sprache (mit Live-Stichwort-Übersetzungsprotokoll) in der Ausstellung sowie auf Zoom statt.

Wir bitten um Anmeldung unter: besucherservice@kunsthallewien.at.
Bitte lassen Sie uns bei der Registrierung wissen, ob Sie live vor Ort oder auf Zoom dabei sein möchten. Den Zoom-Link erhalten Sie kurz vor der Veranstaltung.

Eintritt frei

Gesprächsgäste

Katalin Erdődi ist Kuratorin und Dramaturgin mit Arbeitsschwerpunkten in sozial engagierter Kunst, experimentell-performativen Praktiken und Interventionen im öffentlichen Raum. Aktuell forscht sie, unter Anwendung kollaborativer künstlerischer und kuratorischer Ansätze, zu soziopolitischen Transformationsprozessen im postsozialistischen ländlichen Raum. Jenseits des Kunstfelds ist sie in verschiedenen unabhängigen Gruppierungen und Initiativen (u.a. Precarity Office Vienna, Sezonieri-Kampagne) aktiv, die sich solidarisch in Arbeitskämpfe und in die Migrationspolitik einbringen.

Vlatka Frketić ist Autorin, Texterin, Aktivistin, tätig in der Erwachsenenbildung sowie in psychosozialen und literarischen Bereichen. In Vorträgen und Seminaren beschäftigt sie sich aus kritisch-diskursanalytischer Perspektive mit gesellschaftlichen Ungleichheiten, Mehrsprachigkeit, Diskriminierung, Sprache und Macht. 2019 Kültür-Gemma-Stipendiatin (widerdengleichsprech.com); 2019 Exil-Literaturpreis. Frketić ist Mitglied der Autor*innenwerkstatt der edition Exil.

Dan Christian Ghattas setzt sich seit 2009 für die Menschenrechte intergeschlechtlicher Menschen in Europa ein und hat seither Regierungen, EU-, Europarats- und UN-Vertragsorganen Fachwissen zur Verfügung gestellt. Dan hat das 1. Internationalen Intersex-Forum (2011) mitinitiiert, sowie die Deklaration von Malta (2013) mitverfasst. Weitere Arbeiten: ILGA-Europe/OII Europe Intersex Toolkit Standing up for intersex human rights – How can you help? (2016), ILGA-Europe/OII Europe Legal Toolkit Protecting intersex people in Europe (2019). oiieurope.org/

Ursula Hofbauer ist Künstlerin, Architektin, Stadtforscherin, Spaziergangswissenschaftlerin und DINGenieurin in Wien. Sie widmet sich in Kunst- und Ausstellungsprojekten der Arbeit im und mit dem öffentlichen Raum, seiner demokratischen Nutzung und Aneignung und der daraus resultierenden Gestaltung. Projekte (Auswahl): Strange Views (1999), Permanent Breakfast (1999–2005), Through Language (2008), #EchtzeitExperiment (2020).

Araba Evelyn Johnston-Arthur lehrt derzeit an der Howard University in Washington DC, wo sie ihr Doktoratstudium in Schwarzer Politik, Internationalen Beziehungen und der Geschichte der Afrikanischen Diaspora abgeschlossen hat. Ihre Dissertation beschäftigt sich mit der Bedeutung pan-afrikanischer, anti-imperialistischer Kritik am anti-Schwarzen Rassismus in Österreich in den frühen 1960er-Jahren.

Jet Moon schreibt, performt und engagiert sich aktivistisch und produziert in diesen Zusammenhängen seit 30 Jahren politische Arbeiten in unterschiedlichsten Formaten. Jet arbeitet vorrangig außerhalb traditioneller Kunstkontexte, in marginalisierten Communities und schafft intime Räume des Teilens und der gegenseitigen Hilfe. Projekte (Auswahl): Seit 2005 Queer Beograd Collective; Domestic Extremist, daskunst, WERK X Wien (2015); Resilient and Resisting (2018–2019). resilientandresisting.org/, jetmoon.org/

Marika Schmiedt ist bildende Künstlerin, Aktivistin, Filmemacherin und Forscherin in Wien, mit Fokus auf die Geschichte und aktuelle Situation der Roma in Europa. Projekte (Auswahl): Warum die Wunde offen bleibt (Film, 2016), Sprache kommt vor der Tat (Ausstellung und Katalog, 2018), »Dabei bin ich erst richtig selbst, wenn ich arbeite« Ilse von Twardowski-Conrat (Film, 2019), In Arbeit: Lotte Brainin – Eine Heldin des jüdischen Widerstands. Eine virtuelle Ausstellung über das Leben der Wiener Widerstandskämpferin und Shoah-Überlebenden Lotte Brainin zum 100. Geburtstag; marikaschmiedt.com

KT Zakravsky/ZAK RAY ist Performance- und Konzeptkünstlerin, Autorin, Projektentwicklerin an der Schnittstelle von künstlerischer Forschung, sozialen Medien, urbanen Gemeinschaften und Spiritualität. Bis 2012 lehrte sie Philosophie und Medien-/Film-/Gender-Studien an diversen Universitäten in Österreich. Seither ist sie Freelancerin; zuletzt Kooperation mit Lucie Strecker und Klaus Spiess (Bio-Art, Microperformativity, Ecolinguistics). planetzakra.wordpress.com/; zak ra Youtube Channel

 

 

Ausstellung