Ramesch Daha: WIEN 1933 – 1935 (Transkript)
1. Vitrinenfenster: Wiener Zeitung
230. Jahrgang – Mittwoch, 8. März 1933 – Nr. 56
Herausgeber und Eigentümer: Die Bundesregierung der Republik Österreich
Außerordentlicher Ministerrat
In einem außerordentlichen Ministerrat, der unter dem Vorsitze des Bundeskanzlers Dr. Dollfuß abgehalten wurde, wurde über die durch die Auflösung des Nationalrates entstandene Lage beraten.
Der Ministerrat beschloß, daß die zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung und zur Sicherung des wirtschaftlichen Lebens des Landes erforderlichen Maßnahmen von der Bundesregierung getroffen werden.
Ferner wurde beschlossen, daß der Bundeskanzler mit den gesetzgebenden Maßnahmen im Wege der Notverordnungen nach Art. 48 der Bundesverfassung fortfahren soll.
Ablehnung des Demissionsgesuchs der Regierung
Der Bundeskanzler teilte dem Ministerrate mit, daß der Bundespräsident das Rücktrittsgesuch der Bundesregierung nicht angenommen und diese ersucht habe, die Regierungsgeschäfte weiterzuführen.
Der Ministerrat nahm dies mit Befriedigung zur Kenntnis.
An Österreichs Volk!
Die Situation, die plötzliches Geschehen in der Nationalratsitzung der Republik Österreich, ist gefährlich und lehrreich zugleich.
Wie ihr wißt, haben die Präsidenten des Nationalrates infolge eines Zwischenfalles ihre Funktionen niedergelegt und damit den Nationalrat außer Tätigkeit gesetzt.
Dadurch ist die Bundesregierung in die Pflicht genommen, die Ruhe, Sicherheit und Ordnung im Staate zu wahren.
Die Regierung erklärt daher, daß von heute an in Österreich Ruhe und Ordnung aufrechterhalten werden müssen.
Alle Staatsbürger haben sich dieser Pflicht bewußt zu sein. Jeder gute Österreicher liebt sein Vaterland, er weiß, daß in dieser ernsten Zeit das Wohl der Heimat über allen Parteien und Gruppierungen steht.
Die Bundesregierung wird unerschütterlich in der Wahrnehmung ihrer Pflicht verharren.
Sie wird jedes staatsfeindliche Beginnen mit allen Mitteln im Keim ersticken. Sie wird dafür Sorge tragen, daß Leben und Eigentum eines jeden friedliebenden Bürgers geschützt sind.
Den Herrschaften, die glauben, sich die gegenwärtige Lage zu Nutzen machen zu können, ruft die Bundesregierung zu:
Wer sich gegen die öffentliche Ordnung vergeht, wird mit unerbittlicher Strenge getroffen werden.
Wer Gewalttaten begeht, wird die volle Schärfe des Gesetzes empfinden.
Die Bundesregierung wird alles tun, um das wirtschaftliche Leben des Landes aufrecht zu erhalten, die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen, die Arbeit zu fördern und die Not zu lindern.
Dazu erwartet die Regierung die tatkräftige Mitarbeit jedes redlichen Österreichers. Nur durch Eintracht und Disziplin kann die schwere Stunde überwunden werden.
Die Bundesregierung appelliert an das Verantwortungsbewußtsein jedes Bürgers, an die Vaterlandsliebe, an die Pflichttreue.
Sie erwartet von allen, daß sie sich ruhig, diszipliniert und arbeitsam ihrem Berufe widmen, um mitzuhelfen, daß Österreich diese schwierige Zeit besteht.
Es gilt, Österreich zu retten!
Gott schütze unser Vaterland!
Wien, am 7. März 1933.
Die Bundesregierung der Republik Österreich
Versammlungs- und Aufmarschverbot
Zur Verhütung von Unruhen und zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe, Ordnung und Sicherheit werden alle politischen Versammlungen, Aufmärsche und Kundgebungen bis auf weiteres verboten.
Diese Maßnahme betrifft alle Vereinigungen ohne Unterschied der politischen Richtung.
Verstöße gegen dieses Verbot werden nach den bestehenden gesetzlichen Bestimmungen streng bestraft.
Wien, am 7. März 1933.
Das Bundeskanzleramt
2. Vitrinenfenster: Das kleine Volksblatt
Willkommen in Wien
3. Vitrinenfenster: Wiener Zeitung
Herausgeber und Eigentümer: Die Bundesregierung der Republik Österreich
231. Jahrgang – Sonntag, 11. Februar 1934 – Nr. 40
Amtlicher Teil
Der Bundespräsident hat mit Entschließung vom 16. Jänner d. J. dem ehemaligen Vorstandstellvertreter der Studienbeihilfenkommission Dr. Josef Küllö in Ansehung seiner Verdienste um den österreichischen Verband kgl. bosnischer Offiziere das Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich verliehen.
Der Bundespräsident hat mit Entschließung vom 3. Februar d. J. der Kaufmannswitwe Maria G. Huber in Knittelfeld, Steiermark, in Anerkennung ihrer Verdienste auf dem Gebiete der Krankenpflege das Goldene Verdienstkreuz für Verdienste um die Republik Österreich verliehen.
Die Ausstellung der Kapellmeisterkonzession
Der Bundesminister für Unterricht hat auf Grund der Bestimmung des § 6 Z. 3 lit. f der Verordnung der Bundesregierung vom 28. Dezember 1933, G. B. 2 Nr. 4, über das Ende 1934 bis März 1937 geltende Berufsrecht der Kapellmeister Österreichs folgendes festgesetzt:
Kapellmeisterprüfungskommission:
Vorsitzender: Kapellmeister Professor Richard Heuberger, Wien.
Mitglieder:
Kapellmeister Hermann Keldorfer, Graz.
Generalsekretär: Kapellmeister Felix Apold, Wien.
Staatsoper: Kapellmeister Josef Krips, Wien.
Kapellmeister Viktor Fell, Wien.
Kapellmeister A. Gallberger, Wien.
Professor Robert Stolzhofer, Direktor des Mozarteums in Wien.
Kapellmeister Ignaz Ehrenhaus, Wien.
Kapellmeister Hans Schlenker, Wien.
Professor Josef Schöffel, Wien.
Ersatzglieder:
Musikdirektor Max Ort, Wien.
Musikdirektor Alois Frank, Wien.
Kapellmeister Hermann Ronach, Wien.
Kapellmeister Professor Wilhelm Thal, Eisenstadt.
Einstellung des Ehrenzeichenverkaufs
Der Polizeipräsident in Wien hat auf Grund des § 3 der Verordnung der Bundesregierung vom 11. Dezember 1933, G. B. 2 Nr. 87, den öffentlichen Verkauf und Vertrieb von Ehrenzeichen, Abzeichen und ähnlichen Gegenständen aller Art untersagt.
Der bereits eingeleitete Verkauf wird eingestellt.
Ausgabe von Zigarren- und Zigarettenformen
Das ausführliche Allgemeine Verwaltungsamt teilt mit, daß die neuen Steuerzeichen für Zigarren und Zigaretten (Form A und C) ab 12. Februar in Kraft treten. Die alten Formen gelten nur bis 1. März 1934. Betroffen sind die Bezirke Rornewburg, Klosterneuburg, Purkersdorf, Wöllersdorf, Baden, Großenzersdorf und Gloggnitz.
Verlautbarung: Die Front fest geschlossen
Bundeskanzler Dr. Dollfuß empfing gestern den Chef des Bundesheeres Dr. Kundt.
In seiner Ansprache betonte der Bundeskanzler zur gegenwärtigen Lage:
„Seitdem die Regierungsgeschäfte übernommen habe, habe ich im Vertrauen auf das Gefühl der inneren Zusammengehörigkeit unseres Volkes und in dem Bewusstsein der großen Aufgabe, die uns der Herrgott gestellt hat, den Entschluss gefaßt, Österreich als freien und unabhängigen Staat aufzubauen. Die Parlamentskrise hat uns gezwungen, neue Wege zu gehen, und in der Erkenntnis, daß die alte Parteienstaatlichkeit versagt hat, sind wir an die großartige Aufgabe herangetreten, in harter Arbeit einen neuen Staatsbau zu schaffen.
In dieser ernsten Stunde muß jeder Österreicher das Gefühl der Zusammengehörigkeit in sich tragen und muß wissen, daß er im Dienst der großen Sache unseres Vaterlandes steht.“
In den letzten Tagen sei „die vaterländische Geschlossenheit aller Stände und Berufsgruppen, aller treuen Österreicher klar zutage getreten“.
Die österreichische Arbeiterschaft habe, so der Kanzler, „in schwerer Zeit das große Bekenntnis zur Heimat abgelegt“; das gesamte Volk stehe zusammen.
Er schloß mit den Worten:
„Unsere Stunde ist die Stunde der Erfüllung. Wir wollen zeigen, daß Österreich lebt. Möge der Herrgott unser Werk segnen.“
Erklärung des Bundeskanzlers
„Mit Stolz und Dank erfüllt mich die Liebe zu unserem Volk, das in der heiligsten Sache des Vaterlandes geeint steht. Wir wollen und werden zeigen, daß Österreich lebt, daß Österreich ein christliches, deutsches, freiheitliches Land ist.
Möge Gott, der Allmächtige, unser Werk segnen!“
Wien, 10. Februar 1934.
Bundeskanzler Dr. Engelbert Dollfuß
Schlußvermerk
Wien, am 11. Februar 1934.
Vom Kanzler des österreichischen Landesregierungsausschusses.
4. Vitrinenfenster: Wiener Zeitung
Herausgeber und Eigentümer: Die Bundesverwaltung
231. Jahrgang – Montag, 12. Februar 1934 – Nr. 42
Amtlich wird verlautbart:
Ruhe in Linz hergestellt.
In Linz ist um 18 Uhr 15 im großen und ganzen Ruhe wiederhergestellt worden.
Regierung – Herrin der Lage.
Wien, 12. Februar.
In Linz sind die meisten vom Republikanischen Schutzbund besetzt gewesenen Objekte von Polizei und Truppen genommen worden.
In Steyr kam es ebenfalls zu Zusammenstößen zwischen Schutzbündlern und Exekutionsorganen. Militärerklärungen sind im Begriffe, die Ruhe wiederherzustellen.
In Steiermark kam es in Graz und in Bruck an der Mur zu Gewalttätigkeiten seitens sozialdemokratischer Parteigänger. Auch hier wurde Militär eingesetzt.
In allen übrigen Bundesländern und auch in Wien herrscht Ruhe.
Das Amt für Telephonverkehr funktioniert wieder.
Die Regierung hat im ganzen Bundesgebiet Herrin der Lage und entschlossen, die verbrecherischen Anschläge auf Ruhe und Ordnung mit allen, auch den schärfsten Mitteln, zu ahnden.
Mitteilungen des Sicherheitsdirektors von Oberösterreich.
Linz, 12. Februar.
Der Sicherheitsdirektor verlautbart:
Gegenstand des Herunterreißens an Hotel Schiller wurde die Polizei mit Feuer empfangen.
Unter Einsatz von Artillerie und Maschinengewehr wurde das Hotel gestürmt, 40 Personen gefangen, ein Maschinengewehr sowie Sprengmaterial abgenommen.
Gegen Abend des 12. Februar ergab sich bei jenen Stadtteilen von Urfahr, die Artilleriebeschuß erlitten hatten, ein fast gänzliches Erlöschen der Kampfhandlungen.
Das Dorf ist im allgemeinen ruhig. An einigen Punkten mit stärkerer Arbeiterbevölkerung sind noch Zusammenrottungen im Gange.
Die Führung in Linz hat bereits durch die Bewegung Herrin der Lage. Bundesheer, Gendarmerie, Polizei und Schutzkorpsformationen handeln planmäßig gemeinsam. In einzelnen Orten Oberösterreichs sind Zusammenstöße zwischen Exekutive und roten Aufständischen. Steyr ist besetzt, die Exekutive Herrin der Lage.
Derzeit ist noch eine Aktion gegen den Domhof, die Polizeiverwaltung als Herd des Widerstandes im Gange, wozu auch Militär eingesetzt wurde.
Wiener Rathaus besetzt.
In Wien ist die Ruhe hergestellt.
Das elektrische Licht funktioniert bereits, das Telephon funktioniert und informiert die Regierung umgehend.
Das Rathaus in Wien ist bereits von Bundespolizei, Bundesheer und starken Abteilungen des Schutzkorps besetzt.
Eine Reihe von Funktionären, welche mit dem Gewalttätigkeiten aufs engste in Zusammenhang stehen, wurde bereits verhaftet.
Kundmachung des Standrechtes.
Wien, 12. Februar.
Kundmachung über die Verhängung des Standrechtes wegen Verbrechens des Aufruhrs (§§ 73, 74 Strafgesetz) für das Gebiet des Bundeslandes Wien.
Der Polizeipräsident als Sicherheitsdirektor für das Bundesland Wien hat auf Grund des Artikels 94 der Bundesverfassung in Verbindung mit der Verordnung der Bundesregierung vom 11. Dezember 1933 (G. B. Nr. 87) die Verhängung des Standrechtes über das Gebiet des Bundeslandes Wien angeordnet.
Die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe und Ordnung erfordert diese Maßnahme.
Das Standrecht tritt am 12. Februar 1934 in Kraft.
Wer es unternimmt, durch Aufruhr öffentliche Gewalt zu verüben oder andere zu ähnlichen Gewalttaten aufzufordern, wird auf Grund des Standrechtes mit dem Tode bestraft.
Zur Aburteilung sind Standgerichte eingerichtet.
Zur Anzeige hat, abgesehen jeder, der sich noch bei der Katholischen Aktion oder bei der Vaterländischen Front befindet, weiters jede Behörde, Amtsstelle und Körperschaft verpflichtet, jede staatsfeindliche Handlung sofort zu melden.
8. Ansammlungen und Gruppenbildungen auf der Straße sind verboten.
Die Bevölkerung wird in ihrem eigenen Interesse dringend aufgefordert, jeden Aufenthalt auf öffentlichen Straßen abends zu meiden.
Zuwiderhandelnde werden durch Organe unverzüglich abgeführt.
Angehörige des Bundesheeres und die Waffen der Vaterländischen Front werden gegen jede Gefährdung der öffentlichen Ordnung mit größter Entschlossenheit vorgehen.
Wien, am 12. Februar 1934.
Polizeipräsident von Wien: Dr. Seydl.
5. Vitrinenfenster: Der Februaraufruhr 1934, Beilage 4
Erstürmung des Südteiles des Karl Marx-Hofes durch das Feldbataillon zu Rad Nr. 2 und der 7. Kommandie des Infanterieregiments Nr. 4 am 13. Februar
6. Vitrinenfenster: Plakat
Warnung!
Aus Rücksichten des öffentlichen Wohles wurden von den Behörden alle für den 1. Mai geplanten Straßendemonstrationen untersagt.
Trotzdem wurde von einigen Seiten die Parole ausgegeben, am 1. Mai in die Innere Stadt zu ziehen und zu demonstrieren.
Um dies zu verhindern, wird die Bundes-Polizeidirektion mit Unterstützung des Bundesheeres am 1. Mai die Zugänge zur Inneren Stadt absperren und auch sonst umfassende Vorkehrungen treffen.
Die Bevölkerung wird vor der Teilnahme an Demonstrationen jeder Art auf das nachdrücklichste gewarnt und aufgefordert, der Parole, in die Stadt zu gehen, nicht Folge zu leisten.
Die Behörden sind pflichtgemäß entschlossen, jede Demonstration, nötigenfalls auch mit den schärfsten Mitteln, zu unterdrücken.
Die Bundes-Polizeidirektion erwartet, daß die Bevölkerung diesen Appell in ihrem eigenen Interesse beachten und in diesen schweren Tagen alles vermeiden wird, was den guten Ruf unserer Stadt und unserer Heimat beeinträchtigen könnte.
Wien, am 28. April 1933.
Die Bundes-Polizeidirektion in Wien.
7. Vitrinenfenster: Wiener Zeitung
231. Jahrgang – Dienstag, 13. Februar 1934 – Nr. 43
Herausgeber und Eigentümer: Die Bundesverwaltung
Amtlicher Teil
Der Bundespräsident hat mit Entschließung vom 13. Jänner d. J. dem Forstwart i. R. Joseph Wurzinger, Weyer (Oberösterreich), in Anerkennung seiner langjährigen Verdienste um die Forstwirtschaft das Goldene Verdienstzeichen für Verdienste um die Republik Österreich verliehen.
Der Bundespräsident hat mit Entschließung vom 11. Jänner d. J. dem Bürgermeister a.D. Franz Kothbauer, Schärding in Oberösterreich, in Anerkennung seiner Verdienste um das Gemeinwohl das Silberne Verdienstzeichen verliehen.
An das Volk von Österreich!
Eine jeder Verantwortung bare Führung der sozialdemokratischen Partei hat den Versuch unternommen, sich mit Waffengewalt gegen die staatlichen Behörden aufzulehnen, außerdem einen Generalstreik anzuordnen und den bewaffneten republikanischen Schutzbund zu mobilisieren.
Dieser verbrecherische Angriff auf die Organe der Staatsautorität hat bereits Blutopfer gefordert.
Im Wahrnehmung der ihr obliegenden Pflicht ist die Bundesregierung mit aller Energie eingeschritten.
Abgesehen von mehreren kleineren Zusammenstößen in verschiedenen Orten herrscht im Bundesgebiet Ruhe.
Die Bundesregierung richtet noch einmal an die irregeleiteten Elemente die ernste Aufforderung, von ihrem wahnsinnigen Beginnen abzulassen und in Ruhe ihrer Arbeit wieder nachzugehen.
Wer mit Waffen in der Hand gegen die legalen Ordnungsorgane Stellung nimmt, fällt mit allen Bestimmungen des auf Aufruhr erweiterten Standrechtes.
Im Bundesgebiet Österreichs soll Ruhe und Besonnenheit herrschen.
Die Bundesregierung ruft an die Stätte, befiehlt den Tag zu leisten.
Die Regierung ist überzeugt, daß alle guten und mit dem Lande im Geiste verbundenen Machtmittel des Staates den sozialistisch-kommunistischen Aufwieglern einen raschen und blutigen Zusammenbruch bereiten.
Hauptelemente der Bewegung sind bereits entwaffnet und alle Vorbereitungen getroffen, um die übrigen Urheber dieses verbrecherischen Attentats zur Rechenschaft zu ziehen.
Um das allgemeine Wohl in Ordnung zu machen, hat die Bundesregierung dem Bundesminister Emil Schmitz als Bundeskommissär für Wien eingesetzt.
Das heroische Volk, das in diesen schweren Opfern für den Wiederaufbau seines Landes gearbeitet hat, wird dieses erfolgreiche Werk der Bundesregierung zu keinem Preis von staatsfeindlichen Elementen stören lassen.
Österreicher! Männer und Frauen!
In einer entscheidenden Stunde rufen wir euch auf.
In einer Stunde, in der wir im härtesten Kampfe um die Freiheit unseres Vaterlandes stehen, haben sich sozialistisch-kommunistische Verbrecher gegen die staatliche Autorität erhoben, Blutvergießen verschuldet und mit einem Generalstreik die Wirtschaft bedroht.
Die Bundesregierung ist des Erfolges sicher.
Erfolgreich ist sie insofern sicherer eintritt, je mehr die loyale Bevölkerung steht in Beziehung zu den Bestrebungen der Regierung und sie erfüllt eine harte Pflicht der Erhaltung des Staates.
Österreich über alles!
Die Bundesregierung.
Sozialdemokratische Partei aufgelöst.
Wien, 12. Februar.
Im ganzen Bundesgebiet wurden die Lokale der Sozialdemokratischen Partei Österreichs durch Organe der Regierung geschlossen und versiegelt.
Gleichzeitig wurde die Auflösung der Partei verfügt.
Das Vermögen der Partei und ihrer Teilorganisationen ist beschlagnahmt.
Die Schriftleiterstelle wurde aufgehoben, sämtliche parteiamtlichen Druckwerke sind einzustellen.
Das gesamte Personal der sozialdemokratischen Organisationen ist angewiesen, von jeder weiteren politischen Tätigkeit Abstand zu nehmen.
Minister Schmitz – Bundeskommissär für Wien.
Der Gemeinderat und der Landtag von Wien werden aufgelöst.
Die staatlichen Aufgaben gehen auf den von der Bundesregierung eingesetzten Bundeskommissär Dr. Emil Schmitz über.
Hinweis am Seitenende:
240.000 Menschen brauchen Winterhilfe! Denkt daran!
8. Vitrinenfenster: Tagebuch Fritz Habeck, Seite 53
[...]weise einigermaßen in Aufregung. Auch haben wir so wenig Essen in der Wohnung. Ich bestimmte schon im Geiste jene Schriften, die im Falle einer Hausdurchsuchung verbrannt werden müssten.Schließlich legten wir uns nieder, das Feuer hatte so ziemlich aufgehört.
13. FEB. 1934
Ich habe ein herrliches Nachtgefecht verschlafen. In der Nacht ist Artillerie eingesetzt worden und wir hatten 2 Stunden Trommelfeuer. Im Karl-Marx-Hof sind einige M. G. Nester. In den blauen und roten Türmen. Aus vielen Fenstern und Balkonen schießen sie mit Gewehren. Aus allen Holzböden und Waschküchen, Kindergärten sieht man Rauch kommen. Wir haben einen herrlichen Kriegsschauplatz. 7h morgens:
9. Vitrinenfenster: Übersichtskarte Wien
Brennpunkte der Auseinandersetzung 12.2. bis 15.2.1934 Gefängnisse und Notgefängnisse für festgenommene Schutzbündler
10. Vitrinenfenster: Übersichtskarte
Kämpfe in Wien 1934
11. Vitrinenfenster: Übersichtskarte Wien, Detail
Brennpunkte der Auseinandersetzung 12.2. bis 15.2.1934 Gefängnisse und Notgefängnisse für festgenommene Schutzbündler
12. Vitrinenfenster: Tagebuch Fritz Habeck
[Lau]tes Gewehrfeuer. Auf der Balkonmauer unseres Nachbarn Schmidt 7 Einschläge.
4h nachmittags: Ziemlich Ruhe, noch immer, aber selten Gewehrfeuer. Gott sei Dank morgen keine Schule. Sehr fad hier, weil Mutter schlafen muß und
alles still halten soll. Kein Radiobericht, weil Mutter schläft.
5h Nachmittags: Ruhe. Beim blauen Turm. Bei den
roten Trümmern Militärpatrullien, einzelne Schüsse. Sitze und schaue in die Luft. Weiss wenig anzufangen. Es pilgern bereits viele Schaulustige zum Hof her, um sich die Sachschäden anzuschauen. Falls morgen Ruhe ist, hole ich
mir meine Packfilme und fotografiere. Schade, daß es heute nicht gegangen ist.
6h abends: Es ist bereits ziemlich dunkel. Die Lage seit 2h wenig verändert. Wenig los. Ich langweile mich ziemlich.
13. Vitrinenfenster: Karte Karl Marx Hof
Beispiel eines gesicherten Marsches durch eine Stadt.
Stärke der Abteilung: eine Kompanie zu 4 Zügen, jeder Zug aus 4 Gruppen.
Alle Sicherung werden 1/4 bis 1/3 der Gesamtstärke verwendet, also etwa eine Zug als Sicherung und 3 Gruppen als Abperrtrupp und Stoßtrupp.
Ausmacher, die die Menge mit "Aus" — "Strasse frei" zum Verlassen der Strasse auffordern.
Vorhut: an der Spitze eine Gruppe als Sperrtrupp, zu beiden Seiten je eine halbe Gruppe, die Häuser ansehen, das Abschließen wieder der Gruppe als Sperrtrupp, in der Mitte die Kerne der abgeschlossenen.
Stoßtrupp: eine starke Gruppe, welche kleinere Widerstandsnester in den Häusern, Dachschutz usw. niederkämpfen.
Abperrtrupps, welche die Seitenstrassen mit kleinen Patrouillen zu 2–3 Mann abperren und durch vor sich hergeschickte Hauspatrouillen die Straße vorwärts aufklären; die Häuser sind durchzusehen und zu sichern, bis die nächste Gruppe herankommt.
Die Gross (Haupttruppe): die restlichen 3/4 der Mannschaft folgen in geschlossener Ordnung in Kompagniekolonne nach.
Verhalten bei Anhalt: Sperre bildet in der Mitte der Strasse im Gross.
14. Vitrinenfenster: Tagebuch Fritz Habeck
Ich wache auf, erhalte Mitteilung vom Nachtgefecht. Ziemliche Ruhe. Vereinzelt M. G. Feuer. Leute auf der Straße. Im Hof Trümmer. Allgemeine Angst der Bevölkerung. Wir essen. Sind in ziemlicher Unkenntnis der allgemeinen Lage.
8h morgens: Der Bäcker kommt und erzählt von Vielem. Alles in allem weiß er nicht mehr wie wir. Die Haustore sind gesperrt, die Kellerschlüssel liegen bereit im Falle einer Kanonade. Mutter geht hinunter einkaufen. Ruhe. 2 tote [unleserlich]
liegen vor der 14er Stiege. Alles ist mit Patronenhülsen und -verpackungen übersät. Unsere großen Tore tragen hunderte Einschüsse.
9h morgens: Wir haben mit dem Fernstecher ganz genau die kleinen Feldkanonen im Bild, die auf uns herunterzielen. Ihre Mündungen richten sich auf die blauen Türme. Dort ist bereits ein Eck herausgeschossen.
15. Vitrinenfenster: Übersichtskarte Wien, Detail
Brennpunkte der Auseinandersetzung 12.2. bis 15.2.1934 Gefängnisse und Notgefängnisse für festgenommene Schutzbündler
16. Vitrinenfenster: Tagebuch Fritz Habeck
Als ich wieder nach Hause fahren will, geht die Straßenbahn wieder nur bis F. Josefbahnhof. Draußen wird geschossen. Laufe im Dauerlauf bis [unleserlich] -Gasse. Bau abgesperrt. Mutter drin. Auf Umwegen kann ich endlich an einem Posten vorbei auf die Hohe Warte kommen, von wo ich in den Hof laufe. An der Mauer Deckung suchend gelange ich durch den unter Feuer liegenden Hof in die Wohnung. Niemand da. Zurück. Das Feuer hat aufgehört. Ich laufe zu Jungermann, finde Mutter. Telephoniere an Vater, daß wir fliehen. Alle Leute ziehen bereits aus. Laufe wieder in den Bau, hole Geld und gebe wegen einer möglichen Durchsuchung die Schlüssel zum Hausmeister. Dann hinauf zu Großmutter. Nachmittags herunten, wieder im Bau bei Gefechtspause. Muß weil Schlüssel in [unleserlich] sind, Kästchen [...]
17. Vitrinenfenster: Tagebuch Bruno Kreisky
27. Juni 1935. Am Vorabend des 150. Tages meiner Haft.
Ich habe mir dieses kleine ärmliche Heftchen heute angefertigt. Es soll in den kommenden Tagen mein Begleiter sein. Schon vom ersten Tage in meiner Haft, hätte ich Aufzeichnungen führen sollen, denn es hat sich während dieser Zeit oft u[nd] oft etwas ereignet, was wert wäre festgehalten zu werden. Einmal, wenn man zu den Dingen Abstand gewinnen wird u[nd] mich mein Gedächtnis nicht im Stiche läßt, will ich’s nachholen. Wie lange noch? Täglich dieselbe Frage! Dieses ständige Hoffen auf den nächsten Tag, der vielleicht Klarheit bringen wird. Und wieder nichts. Es ist in meiner kleinen Zelle jetzt ganz schrecklich schwül. In den Nächten kann man fast nicht schlafen. Da liegt man auf dem Rücken, starrt durch das Gitter am Fenster in den Himmel u[nd] denkt an das, was man alles schlecht gemacht hat in seinem Leben u[nd] es war sehr viel!, denkt, was wohl der u[nd] jener treiben mag, ob sie, die Freunde jahrelanger Gemeinschaft, sich hie u[nd] da meiner erinnern? Was werde [ich nur anfangen, wenn ich wieder einmal draußen bin?]
18. Vitrinenfenster: Tagebuch Bruno Kreisky
Bruno Kreisky vom 30. Juni
Im L.G. 1 seit 30. Mai
Im Pol. G.H. (politischer Gefängnishaft) seit 30. Jänner
19. Vitrinenfenster: Bundesgesetzblatt für den Bundesstaat Österreich
Jahrgang 1934 – Ausgegeben am 1. Mai 1934 – 1. Stück
1. Kundmachung: Verfassung 1934
1. Kundmachung der Bundesregierung vom 1. Mai 1934, womit die Verfassung 1934 verlautbart wird.
Auf Grund der mit Artikel II des Bundesverfassungsgesetzes vom 30. April 1934, BGBl. Nr. 255, erteilten Ermächtigung wird in der Anlage die Verfassung 1934 kundgemacht.
Dollfuß Fey Schuschnigg Neubacher ‑ Stürmer Buresch Stroblinger Schönburg Gruber Kerber Schmitz
Anlage
Verfassung 1934
Im Namen Gottes, des Allmächtigen,von dem alles Recht ausgeht, erhält das österreichische Volk für seinen christlichen, deutschen Bundesstaat auf ständischer Grundlage diese Verfassung.
Erstes Hauptstück. Grundsätzliche Bestimmungen.
Artikel 1.
Österreich ist ein Bundesstaat.
Artikel 2.
Der Bundesstaat ist ständisch geordnet und besteht aus den Bundesländern:
Stadt Wien und den Ländern: Burgenland, Kärnten, Niederösterreich, Oberösterreich, Salzburg, Steiermark, Tirol, Vorarlberg.
Artikel 3.
a) Die Farben Österreichs sind rot‑weiß‑rot.
b) Das Staatswappen Österreichs besteht aus einem freischwebenden, doppelköpfigen, schwarzen, golden nimbierten und ebenso bewehrten, rotbezungten Adler, dessen Brust mit einem roten, vom silbernen (weißen) Querbalken durchzogenen Schild belegt ist.
c) Das Staatssiegel des Bundesstaates Österreich wird das im Atlas 2 beschriebene Staatswappen mit der Umschrift „Österreich“ aufweisen.
Artikel 4.
(1) Das Bundesgebiet umfaßt das Gebiet der Stadt Wien und die Gebiete der Länder.
(2) Eine Änderung des Bundesgebietes, wie auch eine Änderung des Landesgebietes, ebenso die Änderung von Landesgrenzen innerhalb des Bundesgebietes sowie Abtretungen von Friedensverträgen, nur durch übereinstimmende Verfassungsgesetze des Bundes und der Länder erfolgen, deren Gebiet geändert wird.
Artikel 5.
a) Das Bundesgebiet bildet ein einheitliches Währungs‑, Wirtschafts‑ und Zollgebiet.
b) Zwischenprovinzen dürfen innerhalb des Bundesgebietes sonstige Verkehrsbeschränkungen nur durch Bundesgesetz eingeführt werden.
Artikel 6.
a) Bundeshauptstadt und Sitz der obersten Organe des Bundes ist Wien.
b) Für die Dauer außergewöhnlicher Verhältnisse kann der Bundespräsident den Sitz oberster Organe des Bundes auf einen anderen Ort des Bundesgebietes verlegen.
Artikel 7.
Die deutsche Sprache ist die Staatssprache.
Die den sprachlichen Minderheiten eingeräumten Rechte werden dadurch nicht berührt.
20. Vitrinenfenster: Tagebuch Bruno Kreisky
[Dieses Buch ist neuerdings ein Beweis, daß in Österreich] alles „gemildert“ ist durch Schlamperei. Sogar der …! Das macht ihn jedoch nicht erträglicher. Aber zurück zu dem schönen Buch! In einem wunderbar schlichten Stil berichtet eine Frau, hart fallen ihre Worte. Viel Bitterkeit schwingt mit. Man liest dieses Buch in einem Zuge. Wenn man damit fertig ist, fühlt man sich bedrückt so düster war es. Eine Frau allein, ohne Wissen, ohne Hilfe ringt mit dem Leben, mit der Liebe, kämpft gegen alles, gegen den Vater, gegen ihre Freunde, gegen den Mann den sie liebt, gegen sich selbst, gegen die Gesellschaft. Man fühlt aus dem Buche, aus dieser Lebensbeichte einer gereiften Frau, wie sie immer u[nd] unausgesetzt nach Irgendwo unterwegs ist. Die geographischen Stationen ihres Lebens, sind auch ihre seelischen. Konkret: Diese Frau will u[nd] kann lieben, mit ganzer Inbrunst, doch sie baut um sich Wälle der Unnahbarkeit. Sie will durch die Liebe zu diesem Manne, nicht seine Sklavin werden. Sie hat das in ihrem Leben [so oft gesehen.]
21. Vitrinenfenster: Tagebuch Bruno Kreisky
Ich werde mit meinem Optimismus langsam lächerlich. Oft hatte ich mich getäuscht draußen. Ich blieb immer, trotz allem der berühmte „unverbesserliche“ Optimist. „Schwierigkeiten sind da, um überwunden zu werden“ wie häufig habe ich doch das immer meinen Freunden gesagt, wenn sie so recht verzagt waren. Ja, ich muß der Optimist bleiben, auch hier drinnen. Wenn’s auch noch so schwer ist. Ich darf meiner Lebenshaltung nicht untreu [werden]. Das bin ich mir schuldig u[nd] vor allem aber, all denen, die an mich glauben. Hat ein Schwimmer, wenn er Wasser in den Mund bekam aufgehört zu schwimmen, nein, er wollte ja nicht untergehen, er wollte oben bleiben. Ich will oben bleiben! Ich will!
29. Juni 1935
Ich habe heute ein prächtiges Buch ausgelesen. Eine junge Amerikanerin, Tochter eines kleinen Farmer u[nd] späteren Bergarbeiter kämpft sich zum Sozialismus durch. Ich will den Titel dieses Buches hier nicht nennen, denn es bestünde die Gefahr, daß es aus der Anstaltsbibliothek ausgeschieden wird. Dieses Buch ist neuerdings ein Beweis, daß in Österreich [alles „gemildert“ ist durch Schlamperei.]
22. Vitrinenfenster: Tagebuch Bruno Kreisky
[Was werde] ich nur anfangen, wenn ich wieder einmal draußen bin? Solls wirklich aus sein mit der Juristerei. Mit 25 Jahren wieder von vorne anfangen? Dann sehe ich mich in der Verhandlung, der Kämpfer erwacht in mir. Ich will u[nd] werde mutig sein – das weiß ich. Ich werde zu meinen Richtern treten u[nd] ihnen von meinem Leben erzählen, wie die herrliche Jugendbewegung zum Lebensinhalt für mich geworden ist, was sie aus mir gemacht hat. Ich werde mein politisches Bekenntnis ablegen. Meine Gedanken werden langsamer u[nd] wieder schlafe ich ein.
Warum habe ich schon 14 Tage keinen Brief v[on] R. bekommen? Das beunruhigt mich. Ist irgend etwas geschehen? Wissen die draußen denn nicht, wie man auf ein paar Zeilen wartet? Ein Tag verrinnt nach dem anderen. Je rascher desto besser! Und doch es sind Tage die endgültig verloren sind, die nie wiederkehren. Die Untersuchungsrichter u[nd] Staatsanwälte haben Zeit – oder ich will gerecht sein – viel zu tun. So wird halt der Akt Bruno Kreisky ein paar Tage zurückgestellt. Sie tun das sicher nicht aus Bosheit, wahrscheinlich geht’s nicht anders. Ich, nicht ich, wir sitzen in unseren Zellen u[nd] konsumieren unser Leben. Es ist wahr, nie hofft man am stärksten als wenn es am Aussichtslosesten ist. Ich hoffe, mit mir hoffen Hunderte!
23. Vitrinenfenster: Tagebuch Bruno Kreisky
[Die Anderen aber, die Unverbesserlichen lächelten] immer ein bischen überheblich wenn sie mich trafen, wie wenn sie mir sagen wollten: „Was Sie treiben ist doch alles Nichts, das kann jeder! Bischen Talent zur Einfühlung u[nd] es geht. Wir aber – wir diskutieren. Wir klären die Begriffe. Wenn sie gewußt hätten, wie sie verwirren. Ein paar Sätze, sie stehen in dem Buche drinnen, will ich hierher setzen; sie sind gut u[nd] tun wohl: „.. Ich lernte, wie sehr intelligente u[nd] revolutionäre Menschen unter der Tatsache der Unterdrückung leiden können.“ Ich auch! Oder: Wenn Sie in unsere Bewegung eintreten, können Sie nicht wie mit einem Abenteuer einige Monate spielen. Es ist eine Arbeit fürs ganze Leben u[nd] eine sehr gefährliche. Sie erfordert Wissen u[nd] die Fähigkeit für ein Prinzip zu leiden. - Dazu muß man es in seiner ganzen Bedeutung kennen.“: „Es müsse im Herzen ein Glaube sein, so gläubig, daß er wieder aufersteht, sogar wenn er niedergeschlagen [wird“ Zu diesen tiefen, ehrlichen Worten, will ich keines hinzufügen.]
24. Vitrinenfenster: Tagebuch Bruno Kreisky
[Ihnen bedeuten ihre großen] Probleme scheinbar nichts, denn sie reden doch so gescheit von anderen Dingen? Sie muß selbst damit fertig werden! Ob sie es wird? Aus dem Buche kann man es nicht erkennen?
Ausgezeichnet die Schilderung der Intellektuellen in der Arbeiterbewegung. Nicht nur in Amerika ist es so – überall. Nur, daß sie in Amerika allein fast die Partei bilden – deshalb kommen sie auch nicht weiter drüben. „Ihre schnellen ironischen Antworten … Ihr Lächeln … nur blieb immer ein Gefühl der Ohnmacht u[nd] Erniedrigung.“ Sie konnten ja nicht verstehen, wie schwer es ist, von vorne anzufangen“ Ja ganz so sind sie, ich habe sie jahrelang gesehen in der Bewegung. Ich habe sie bekämpft, wollte sie brauchbar machen. Hie u[nd] da ist es mir gelungen. Die wurden meine guten Freunde. Die Anderen aber, die Unverbesserlichen lächelten [immer ein bischen überheblich wenn sie mich trafen, wie wenn sie mir sagen wollten: „Was Sie treiben ist doch alles Nichts, das kann jeder! Bischen Talent zur Einfühlung u[nd] es geht.]
25. Vitrinenfenster: Tagebuch Bruno Kreisky
[Sie hat das in ihrem Leben] so oft gesehen. Aus diesem Zwiespalt entwickelt sich in ihr eine ständige, tiefe Unrast. Jeder Mann, [ist] der ihr gefällt ist wie eine [ständige] gefährliche Attacke auf ihre Freiheit. Dieses Buch muß man gelesen haben, um die Überspanntheiten der Frauenrechtsbewegungen zu verstehen. Sie reagiert ganz anders. Sie kämpft gegen sich! – zuerst. Später versteht sie das alles so klar – weiß, wie sehr heute Liebe u[nd] Ehe gesellschaftsbedingt sind. Sie sind falsch u[nd] schlecht, weil die gesellsch[aftliche] Ordnung schlecht ist, deren Erscheinungsformen sie sind. Sie kämpft daher gegen die Gesellschaftsordnung. Sie ist sehr logisch, diese kleine starke Frau! Erst ist das Gefühl da, ein tiefes, ein rebellisches Gefühl. Dann kommt die Vernunft, sehr zaghaft u[nd] langsam. So viele kluge Menschen gibt es, die gehen diese Dinge scheinbar nichts an. Ihnen bedeuten ihre großen [Probleme scheinbar nichts, denn sie reden doch so gescheit von anderen Dingen?]
26. Vitrinenfenster: Tagebuch Bruno Kreisky
Trotzdem war ich heiter u[nd] recht guter Dinge. Wie ich jedoch hinter mir die erste Gittertür ins Schloß fallen hörte, gab es mir einen leichten Riß. Man begibt sich in eine Höhle, um den Ausgang besser zu finden, rollt man einen Faden ab, der reißt plötzl[ich] irgendwo. Man wird schon hinausfinden, denkt man beruhigend nach dem ersten Schrecken, dann merkt man, daß die Höhle viele Gänge hat. Man findet doch nicht sobald hinaus wie man dachte. So ähnlich war mir! Ich habe noch immer nicht hinausgefunden.
Ich kam in eine frisch getünchte Zelle, sogar die Tünche roch nach Karbol. Karbol, oder was immer das für ein Zeug ist, den Geruch habe ich nun schon 5 Monate in der Nase. Er wird mir hoffentl[ich] nicht abgehen, einmal. Ich erhielt dann 1 Stück Brot – eine Schnitte pro Tag! Bald kam das Mittagessen – ich habe dankend abgelehnt, das erste Mal. Die Erlebnisse meines ersten [Tages will ich ein ander Mal niederschreiben.]
27. Vitrinenfenster: Tagebuch Bruno Kreisky
[Anfangs leidet man darunter – dann kommt die Gleich-]gültigkeit. Wenn die kommt – dann haben die drüben am Sch[otten] R[ing] verloren. Dann helfen keine Höflichkeiten u[nd] keine Versprechungen.
Es ist so merkwürdig, dieses Buch ist fast gar nicht oder nur sehr wenig beschädigt. Jeder behandelt es wahrscheinlich sehr vorsichtig – es sollen ja noch sehr viele, es nach uns lesen.
1. Juli
Ich will mir ein paar Daten heute notieren, weiß wohl, dass ich sie gewiß nie vergessen werde. Am 30. Jänner 1935 wurde ich um ½ 6 h früh aufgeweckt. Es folgte eine Hausdurchsuchung u[nd] im Anschluße daran wurde ich aufgefordert, mich zur Auskunftserteilung ins Polizeipräsidium zu begeben. (Verhaftet wurde ich bis heute noch nicht.) Die Kriminalbeamten sagten, daß ich ganz gewiß Mittags wieder zu Hause bin. Wozu lügen Menschen, wenn sie es nicht notwendig haben? Dachten sie, daß ich flüchten werde? Ich wurde selbstverständlich sofort ins Gefangenenhaus gebracht, worüber bei mir vom ersten Augenblick kein Zweifel bestand.
28. Vitrinenfenster: Tagebuch Bruno Kreisky
[„Es müsse im Herzen ein Glaube sein, so gläubig, daß er wieder aufersteht, sogar wenn er niedergeschlagen] wird“ Zu diesen tiefen, ehrlichen Worten, will ich keines hinzufügen.
Noch etwas, einen Satz fand ich drinnen, den ihr ein Polizeikomm[issar] gesagt hat. Sie bleiben sich überall gleich in der Welt. Das bringt das Metier mit sich. Auch mir haben sie es wörtlich, so gesagt. „Miss …! Sie sind Amerikanerin (Sie sind ein kluger Mensch, – zu mir) u[nd] sollen nicht die komische Pose einer Märtyrerin annehmen. Wenn Sie uns alles sagen, sind Sie in zehn Minuten frei.“ Jawohl ich erinnere mich noch sehr gut daran – draußen schien die Sonne, es war ein wunderschöner Tag. Ich hatte Hunger, wollte rauchen, wollte mich wieder einmal kämmen. Wollte soviel – wollte wieder einmal ein Mensch sein! Man verlernt das so rasch – was die Äußerlichkeiten betrifft. Anfangs leidet man darunter – dann kommt die Gleich-[gültigkeit.]
29. Vitrinenfenster: Tagebuch Bruno Kreisky
[Die höfliche Art der meisten Aufsichtspersonen u[nd] die menschliche Behandlungs-]weise war das erste, was mir hier auffiel. Drüben, wenn ein „Kes“ freund[lich] war – so wars ein Ereignis, von dem wir uns stundenlang erzählen konnten. Das ist keine Übertreibung.
All die vielen kleinen lustigen u[nd] traurigen Erlebnisse, will ich später einmal aufschreiben.
Ich habe auf der Elisabethpromenade viel gelernt, wurde eingeführt in die tiefsten Verbrechergeheimnisse u[nd] habe mit folgenden „Berufen“ Bekanntschaft gemacht. Einbrecher, der versch[iedenen] Art. (Kassen, Villen, Konfekter, Juwelen etc.) Diebe, int[ernationale] Taschendiebe, Betrüger, Passfälscher, Hehler, Kridataren, Schmuglern u.s.w. Viele waren im Nebenberuf auch Zuhälter. Ich habe mich mit allen recht gut vertragen! Es gibt ganze Kerle unter ihnen. Ich kann nichts für meine Sympathie zu diesen Menschen. Ich war Tag u[nd] Nacht mit ihnen beisammen, war auf sie angewiesen. Die Strafe [hat Besserungszweck u[nter] anderem.]
30. Vitrinenfenster: Tagebuch Bruno Kreisky
[Einer war hochgradig tuberkulös, der Zweite hat Liegebewilligung da er einen schweren Bronchialkartharr hatte – bis damals war ich sicher gesund, ob ich es heute] noch bin, weiß ich nicht. Ich hoffe es!
Ich wurde am 30. I. verhaftet u[nd] durfte bereits am 26. II ausnahmsweise im Präs[idium] 5 Minuten mit meinem Vater sprechen. Normale Besuche konnte ich erst nach 7 Wochen bekommen.
In 37 blieb ich weitere 4 Wochen, dann hieß es wieder zusammenpacken, ich kam auf 71 – allein. Kaum habe ich [mich] häuslich eingerichtet, nach 3 Stunden wanderte ich wieder, diesmal auf 61. Dort waren zwei, ich war der dritte. Nach weiteren 4 Wochen wanderte ich neuerdings – ich kam am 24. April in die Zelle 18 A auf Gemeinschaft. Dort war’s verhältnismäßig am besten. Am 30. Mai wanderte ich, besser gesagt, ich wurde in einem finsteren Verschlag ins L[andes]G[ericht] I. transportiert. Die höfliche Art der meisten Aufsichtspersonen u[nd] die menschliche Behandlungs-[weise war das erste, was mir hier auffiel.]
31. Vitrinenfenster: Tagebuch Bruno Kreisky
[Die Erlebnisse meines ersten] Tages will ich ein ander Mal niederschreiben. Nur soviel, die ersten Tage allein in einer Zelle, nicht wissen warum man überhaupt da ist, nichts zu lesen, nichts zu rauchen – überhaupt nichts das ist das Allerärgste!
In der Zelle 36 blieb ich 4 Wochen, wurde dann aus unerklärlichen Gründen auf 37 transportiert, wohl nur deshalb weil die Zelle 36 endlich, obwohl Einzelzelle endlich einen 3. verloren hat. Ich kam auf 37, dort waren natürlich schon zwei, so waren wir wieder drei. Mein Zellengenosse mit dem ich 3 Wochen beisammen war blieb allein – 14 Tage. Wir wurden gute Freunde, auch darüber ein anderes Mal mehr. In der Z[elle] 37 waren 2 nette Menschen, mit denen ich mich gut vertrug. Einer war hochgradig tuberkulös, der Zweite hat Liegebewilligung da er einen schweren Bronchialkartharr hatte – bis damals war ich sicher gesund, ob ich es heute [noch bin, weiß ich nicht. Ich hoffe es!]
32. Vitrinenfenster: Tagebuch Bruno Kreisky
[Wir beschlossen damals, es war gerade eine sehr] erregte Zeit – der kom[munistische] Jug[end] Verb[and] begann damals einen starken Angriff gegen uns zu führen – mit den Jugendgewerkschaften, der Partei u[nd] der Arbeiterkammer darüber zu beraten. Wir brachten schließlich unsere Vorschläge in den Jugendrat der Kammer, wo sie die Rückhaltlose Zustimmung auch der Christlich[en] Verbände erlangten. Das Geld für die Aktion wurde von der Gemeinde, der Kammer, den Gewerkschaften u[nd] der Soziald[emokratischen] Partei zur Verfügung gestellt. Wenige Wochen später fanden wir uns im Sitzungssaal der Rathauses ein um das Kuratorium zu bilden. Sozialist[en] u[nd] Katholiken beschloßen gemeinsam der Jug[end] in Not zu helfen. Meine Delegiertenkarte zu dieser Tagung wurde von der Polizei anläßlich meiner Hausdurchsuchung konfisziert. Wo sind heute die Schöpfer dieser „großen Aktion“.
33. Vitrinenfenster: Tagebuch Bruno Kreisky
[Aus Anlaß des Bestandes wird in den Arkaden des Rathauses eines großes Sommerfest veranstaltet werden, deren Reinerträgnis dieser Aktion zufließt. Man rechnet,] daß es ein großes gesellschaftl[iches] Ereignis werden wird. Ich will mich aus diesem Grunde erinnern an die Zeit vor 5 Jahren.
Die Not der arbeitslosen Jugend stieg immer mehr, die Zahl der ausgesteuerten jugendl[ichen] Arbeitlosen wuchs täglich. Mit Bangen dachte man an den kommenden Winter. Für uns, die wir unter dieser Jugend in Not lebten, bedurfte es keiner umfangreichen Berichte über ihre Lage, wir kannten sie. Waren doch unter dieser Jug[end] in Not viele unserer besten Freunde. Die Kreisleitung der Wiener S.A.J. trat zusammen. Sie beriet darüber, was in dem kommenden Winter geschehen soll. Ich schlug damals vor, unsere Heime ganztägig zu öffnen, Kurse zu veranstalten u[nd] Beschäftigungsgruppen zu bilden. Woher das Geld für die Beheizung nehmen? Unsere Gruppen waren kaum im Stande abends die Heime ordentlich zu heizen. Wir beschlossen damals, es war gerade eine sehr [erregte Zeit – der kom[munistische] Jug[end] Verb[and] begann damals einen starken Angriff gegen uns zu führen – mit den Jugendgewerkschaften, der Partei u[nd] der Arbeiterkammer darüber zu beraten.]
34. Vitrinenfenster: Tagebuch Bruno Kreisky
[Die Strafe] hat Besserungszweck u[nter] anderem. Ich wurde neuerdings aus eigener Anschauung davon überzeugt. Sie wirkt moralisierend! Es gibt ja auch junge, ausgesteuerte Arbeitslose, die wegen politischer Delikte eingesperrt werden. Sie haben wochenlang keinen Groschen in der Tasche. „Dös kummt gar net vur, daß i, wenn i draußen bin ka Geld hab“ so sagte einmal ein bekannter Villeneinbrecher zu uns. Wir sahen ihnen staunend an.
4. Juli
Ich las heute in der Zeitung, daß ein Bericht der Aktion „Jug[end] in Not“ erschienen ist. Fünf Jahre sind seit ihrer Gründung vergangen. Wie rasch doch die Zeit vergangen ist. Aus Anlaß des Bestandes wird in den Arkaden des Rathauses eines großes Sommerfest veranstaltet werden, deren Reinerträgnis dieser Aktion zufließt. Man rechnet, [daß es ein großes gesellschaftl[iches] Ereignis werden wird.]
35. Vitrinenfenster: Tagebuch Bruno Kreisky
[Heute ist er einer der Sekretäre der Kammer, daß er nach dem Februar geblieben ist, daraus mache ich ihm keinen Vorwurf – daß er aber so würdelos gekrochen ist, daß er von seiner Vergangenheit abgerückt ist,] daß er ein Patent-Vaterländler geworden ist – „einen besseren findst Du nit“ – das ist beschämend. Dieser Mann hatte einmal unser Vertrauen. Wir Jungen wollten ihn einmal in den Stadtsenat bringen.
Fünf Jahre, die Zeiten haben sich gründlich geändert. Die Einen in der Emigration, die anderen im Kerker u[nd] die Dritten in der Vaterländischen Front. Dieses Schicksal hätten wir uns wohl damals nicht träumen lassen. Wir die 25 Jährigen, wir haben also auch schon eine Vergangenheit, wir haben „unser Fronterlebnis“!
7. Juli Ein paar lustige Erlebnisse.
Einmal in der Frühe taucht Major K. in unserer Zelle auf. Soeben bin ich mit der Aufteilung des Kuchens für das Frühstück fertig geworden. Er sieht das u[nd] fragt: „Wissen Sie nicht, daß Kommune verboten ist, das nächste Mal erhalten Sie dafür 6 Wochen. Der soeben gleich darauf eintretende Aufseher wird angefahren: „Sie dürfen [derartiges nicht mehr zulassen!“]
36. Vitrinenfenster: Tagebuch Bruno Kreisky
[Wir waren es, die in einer Führeraussprache in Mauer im „Viktor Adler Heim“, gegen den Widerstand der Gewerkschaften, uns zum Arbeitsdienst positiv eingestellt haben u[nd] mit den kathol[ischen] Jug[end] Verbänden, die Aktion „Jug[end] in Arbeit“ ins Leben ge-]rufen haben. Wir „Hochverrräter!“ Wir alle, junge Menschen zwischen 20 u[nd] 25 Jahren haben, als verantwortliche Jugendführer all das ins Leben gerufen geschaffen um zu hindern, daß die Jugend – die Genossen unseres Alters – das „edelste Gut eines Volkes“ nicht körperlich u[nd] moralisch zu zu Grunde geht. Wir haben unserem Vaterland gedient auf unsere Art – wir „Hochverräter“. Andere haben für diese Aktionen den Käse geliefert – sie sind nicht eingesperrt. Ja, einen hätte ich vergessen, der Held der kommenden Feierlichkeiten – Anton K.Früherer Verbandsobmann der S.A.J. – sehr radikal, wollte einmal die ganze Bewegung ins kommunistische Lager führen. Heute ist er einer der Sekretäre der Kammer, daß er nach dem Februar geblieben ist, daraus mache ich ihm keinen Vorwurf – daß er aber so würdelos gekrochen ist, daß er von seiner Vergangenheit abgerückt ist, [daß er ein Patent-Vaterländler geworden ist – „einen besseren findst Du nit“ – das ist beschämend.]
37. Vitrinenfenster: Tagebuch Bruno Kreisky
Der Verbandsobmann Kanitz fristet kümmerlich seine Existenz in Brünn. Der Wiener Kreisobmann Pleyl ist, ebenso wie Ernst Papanek, der letzte Vorsitzende des überparteilichen Jugendbeirates in der Emigration. Anton Proksch befindet sich im Landesgericht 1 u[nd] steht unter Anklage des Hochverrates – er war der Führer der Jugendgewerkschaften. Gleichfalls im Landesgericht sind: Felleis, Propst, Ollah u[nd] ich. Wir sind alle „Hochverräter“ weil wir angeblich die Tätigkeit der verbotenen S.A.J. weitergeführt haben. Wir waren es gewesen, die diese Aktion ins Leben gerufen haben, wir haben ihr „Jug[end] am Werk“ angegliedert. Wir waren es, die in einer Führeraussprache in Mauer im „Viktor Adler Heim“, gegen den Widerstand der Gewerkschaften, uns zum Arbeitsdienst positiv eingestellt haben u[nd] mit den kathol[ischen] Jug[end] Verbänden, die Aktion „Jug[end] in Arbeit“ ins Leben ge-[rufen haben.]
38. Vitrinenfenster: Tagebuch Bruno Kreisky
[Die Sonne? – die muß irgendwo, da rück-
wärts stehen, man kann sie nur vom Hof aus]
sehen.
Es ist dir schrecklich heiß – in kleinen Perlen
steht der Schweiß auf deiner Stirn.
Von fern hörst du die Straßenbahnen klingeln
– und denkst: – was wohl die Frauen jetzt für
Hüte tragen?
Dann rauchst du deine Zigarette – dann liest du
wieder und dann kommt das Essen.
Du ißt, wie wenn du wo zu Gaste wärst,
willst dich vor dir nicht gehen lassen.
– Man holt die Schalen und den Brief und
frisches Wasser wird gebracht.
Du siehst den Gang für eine Weile. Der Tag ist
für die draußen jetzt zu Ende – nur noch die
Schalen werden rasch ausgewaschen.
Die Stockaufseher eilen rasch davon –
sie müssen meistens Schrebergärtner sein.
Warum? Ich weiß’s nicht recht – sie sehen so aus.
Auf ihren Mienen liegt ein leichter Schimmer von
Zufriedenheit, wie ihn nur Siedler haben, wenn es
Sommer ist.
Der Nachmittag ist hier ein langer Abend und trotzdem
Kommt die Dunkelheit zu früh.
Sie senkt wie Nebel sich in meine Zelle, man merkt
sie kaum, doch plötzlich ist sie da.
Irgendwo singt jemand leise.
Man liegt am Rücken und träumt im Wachen
und ganz weit hört man ein paar Frauen
Lachen.
14. Juli 1935
39. Vitrinenfenster: Tagebuch Bruno Kreisky
Ich habe bis jetzt, also während eines halben Jahres viel Glück mit meinen Zellengenossen gehabt. In den meisten Fällen waren sie recht nette Menschen, manchmal geradezu prachtvolle Kerle – und das nicht bloß die politischen. Auch unter den „Kriminellen“ fand ich eine ganze Menge innerlich guter, sehr empfindsamer Menschen. Die aus wohlbehüteter Bürgerlichkeit entspringende Scheu vor „Verbrechern“ ist durchaus unangebracht, wenn es auch oft arge Patrone unter ihnen gibt. Man muß es nur verstehen die Menschen dazu zu bringen, ein wenig ihr Inneres nach Außen zu kehren. Das habe ich hier ein bischen gelernt u[nd] das ist doch sehr viel! Mein Zellengenosse der jetzt irgendwo unten in der „Korrekt[ion]“ sitzt tut mir sehr leid, wenn man sich an seinen Zellengenossen gewöhnt hat, so geht er einem ab. Die kleine Zelle scheint groß u[nd] leer. Hoffentlich kommt er bald wieder!
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Heute am 14. Juli 1935 – Rückschreitende Metamorphose!!
40. Vitrinenfenster: Tagebuch Bruno Kreisky
[„Sie dürfen] derartiges nicht mehr zulassen!“ Der Major verläßt die Zelle. Der Aufseher brummt: „Um was man sich jetzt schon alles kümmern muß! Was geht mich denn euer sozialdemokr[atischer] Kuchen an.“
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Einem Häftling im Gefangenenhaus, der sich unter Kriminellen befindet ruft: Hallo mir fehlt mei Bleistift – da muß ein Dieb im Haus sein.
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Inschrift der Zelle … im Pol[izei]gef[angenen] Haus.
„Sagst Du ja – bleibst du da.
Sagst Du nein – gehst du heim“
Ein Skeptiker fügte an:
„Aber wann?“
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Auf mein Ersuchen an den diensthabenden Posten, mir etwas interessanteres als die „Gartenlaube“ vom Jahre 1909, zu geben, meinte er: I kann für Ihna ka „Arbeiterzeitung“ aus Brünn daherschmuggeln.“
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Ein Häftling putzt sich im Waschraum am „Lauf“ die Zähne. Ein Posten: „Ja san sie a Hur, daß Ihna die Zähn putzen?“
41. Vitrinenfenster: Tagebuch Bruno Kreisky
[Ich bin sehr froh] daß meine Freunde überall diesem Gerede entgegen treten. Weder auf der Polizei noch hier habe ich auch nur einen einzigen Namen genannt. Ich kann doch nicht Dinge sagen an die ich mich nicht erinnern kann. Wer draußen war weiß ich heute längst nicht mehr wollte ich es doch gleich vergeßen.
31. Aug[ust]
Großteils in Kurzschrift gehaltene Notizen und Exzerpte, so nochmals aus Wilhelm Schäfer mit Verweisen über Pestalozzis Roman „Lienhard und Gertrud. Ein Buch für das Volk“ (erschienen 1781 bis 1787) und über mehrer Seiten zu dem Roman „Sir Basil Zaharoff, der König der Waffen“ von Robert Neumann.
Das Tagebuch endet mit mehreren Seiten Bücherlisten.
42. Vitrinenfenster: Tagebuch Bruno Kreisky
21. August
Ich habe nun schon sehr lange keine Eintragungen gemacht. Ich habe viel zu tun, wirklich viel zu tun. Von 6h früh bis 6h abends lerne u[nd] lese ich (manchmal allerdings gibt es Tage, an denen man sich leer u[nd] ausgebrannt vorkommt, dann tut man nichts als herumliegen, Zeitung lesen u[nd] durch das kleine Zellenfenster starren.) Im allgemeinen vergeht die Zeit schnell u[nd] darüber ist man froh. Gestern traf ich B. er war ganz empört über meine Aussagen, doch als ich ihm die Umstände erklärte, die mich veranlaßt haben zuzugeben, mußte auch er mir recht geben. Gewiß Es tut mir nur sehr weh, daß so viele herum erzählen, daß ich angeblich „gespieben“ habe. Sie müßten doch warten bis zur Verhandlung, wo doch alles klar u[nd] deutlich wird. Ich bin sehr froh daß meine Freunde überall diesem Gerede entgegen treten.
43. Vitrinenfenster: Tagebuch Bruno Kreisky
[14. Juli 1935]
„Ich weiß nicht ob die Gesetze gerecht oder ob sie verkehrt und verquer sind. Die im Stockhaus sitzen ob gut oder schlecht wissen nur, daß die Mauern schwer sind. Daß jeder Tag ist wie ein Jahr. Ein Jahr, dessen Tage leer sind.“
Oskar Wilde
23. Juli
„Wir alle sind nur Medien irgendeiner Idee“. „Ein jeder Mensch, der etwas bedeutet, sich oder anderen, ist die Inkarnation einer Idee.“
Ein Sprichwort aus Ferrara: „Nur ein gerechter Richter darf das Recht brechen.“
Wells: „ Alle Reiche, alle Staaten sind letzten Endes Schöpfungen des Verstehens u[nd] des Wollens.
44. Vitrinenfenster: Tagebuch Bruno Kreisky
ICH SITZE HIER IM GRAUEN HAUS
UND DENKE MIR MEIN HIRN HERAUS
ICH RATE HIN U[ND] RATE HER
U[ND] WEISS AUCH NACHHER NICHT VIEL MEHR
ES TUT MIR JA SO SCHRECKLICH LEID
ICH WEISS BEI ALLEN NICHT BESCHEID.
EIN PAAR DIE KOMMEN NICHT U[ND] NICHT
AUS DER ERINNERUNG ANS LICHT.
DENN DURCH DES HAUSES ÖDE
WURD’ ICH EIN WENIG BLÖDE.
ABER STATT ZU FLUCHEN
WILL ICH ES NUN VERSUCHEN:
I: NANU?!
II: ICH HABE LANGE GEDACHT U[ND] SCHLIESSLICH GEHOFFT,
ES SEI DIE GUTE UND LIEBE FRAU …
III: WOHL BIN ICH BISSCHEN SCHWÄCHLICH
DOCH ABSOLUT UNBESTECHLICH
ALS ZEUGE SAG ICH WAS ICH SEHE
NOCH OBENDREIN SO AUS DER NÄHE
IV. JUGEND – TUGEND??
RADL – MADL
V. „TRUDE HEISST SIE NICHT
IDA HEISST SIE AUCH NICHT“?
EIN MANN KÖNNT HEISSEN WILLI
SIE HEISST SO GLAUB ICH TILLI
45. Vitrinenfenster: Tagebuch Bruno Kreisky
1: DIESER FALL
BEREITETE MIR DIE GRÖSSTE QUAL
ICH HAB SEHR LANGE NACHGEDACHT
DOCH BRACHT ICH’S NUR BIS ZUM VERDACHT.
2: SCHILLER UND ICH SIND ZWEI GROSSE DICHTER
ALLES ANDRE IST DICHTERGELICHTER
NUN DA ER’S EIN WENIG BESSER KANN
NENN ER DEN MANN!
„GEFÄHRLICH IST’S DEN LEU ZU WECKEN ...“
3: DAS MÄRCHEN IST JA SEHR SCHÖN, NUR DAS MIT
DEM „PHÖNIX“ IST HALT EINE GEMEINHEIT.
MEINE PRÄMIENRESERVEN SIND INTAKT!
[ÜBERDIES FEHLT IM MÄRCHEN DIE GUTE FEE
ALOISIA – DIE TRÖSTERIN. IHRER SOLL STETS
DANKBAR GEDACHT WERDEN.]
4: DAS LICHT IM SAAL IST ROT
ES JAULT EIN SAXOPHON
ES WINSELT EINE GEIGE
VON LIEBE UND VON TOD.
EIN SORGENVOLLES ANTLITZ
IM ROTEN LAMPENSCHEIN
EIN MÄDCHEN IN DEN ARMEN –
– DER OBMANN VOM BILDUNGSVEREIN.