Chalisée Naamani
Octogone
Die Kunsthalle Wien präsentiert die erste Einzelausstellung außerhalb Frankreichs der französisch-iranischen Künstlerin Chalisée Naamani (geb. 1995, Paris). Unter dem Titel Octogone vereint die Ausstellung eine Reihe aktueller Skulpturen, Drucke und Textilarbeiten mit eigens für die Ausstellung geschaffenen Neuproduktionen. Naamani bezeichnet ihre Skulpturen als „Bildgewänder“: Durch einen Prozess der Überlagerung und Collage von Bildern, Stoffen und Texten unterschiedlicher Provenienzen schafft sie skulpturale Arbeiten, die häufig an Kleidungsstücke erinnern oder auf die Geschichte der Mode rekurrieren, aber nie zum tatsächlichen Tragen intendiert sind. Stattdessen versteht die Künstlerin Mode als grundsätzlich politisch und zeigt durch ihre Reflexion des Bereichs der angewandten Künste, wie Fragen von Form, Funktion und Ästhetik mit Macht und kultureller Bedeutung verknüpft sind. Die Vielzahl an Quellen und Referenzen, derer die Künstlerin sich hierbei bedient, umfassen die ornamentalen Traditionen innerhalb der dekorativen und bildenden Kunst, persische und christliche Ikonografien, Zitate aus der Populär- und Internetkultur, aber auch persönliche Fotografien und Archivmaterialien.
Mehrere Skulpturen greifen – sowohl formal als auch symbolisch – die Bildsprache internationaler Protestbewegungen und politischen Widerstands auf und entwerfen Kleidungsstücke als potenzielle Träger emanzipatorischer Bewegungen. From Iran (2025) etwa bezieht sich auf die Proteste gegen die Regierung der Islamischen Republik Iran, die wiederum mit der Initiative „Woman, Life, Freedom“ verbunden sind, die dort 2022 als Reaktion auf den Tod von Mahsa Amini in Polizeigewahrsam entstand. Cape et gilet jaune (2020) verweist auf die Kleidung der französischen Protestbewegung der „Gilets Jaunes“ (Gelbwesten), die durch ihre Selbstbezeichnung sogar ihren Namen einem Hochsichtbarkeits-Kleidungsstück entlieh und so funktionale mit politischen Bedürfnissen verknüpft. Diese Auseinandersetzung setzt sich in den neu für die Ausstellung produzierten Skulpturen No Kings, Only Queens (2026), die sich mit den jüngsten Kämpfen für Transrechte in den Vereinigten Staaten von Amerika befasst, und Liberty Leading the People (2026) fort, benannt nach Eugène Delacroix’ Gemälde La Liberté guidant le peuple (1830), das bis heute eine Ikone revolutionärer Bestrebungen darstellt. In ihren Arbeiten zeigt sie gleichsam die kulturelle Zirkulation von Bildern und Kleidungsstücken in einer globalisierten Welt auf, etwa innerhalb von Migrationsbewegungen, Tourismus und durch die Produktions-, Präsentations- und Konsumnetzwerke der Modeindustrie.
Der Titel und die räumliche Gestaltung der Ausstellung beziehen sich auf das Zurkhaneh [Haus der Stärke]. In diesem im Iran und benachbarten Ländern verbreiteten Trainingsraum, dessen Ring eine oktogonale Form hat, wird der traditionelle Kampfsport Varzesh-e Pahlavani praktiziert. Aus der vorislamischen Zeit stammend, wurde der Sport nach der arabischen Eroberung des Iran ab dem 7. Jahrhundert wegen seines revolutionären Potenzials als Form kulturellen und physischen Widerstands zunächst verboten. Naamanis Ausstellung und ihre Szenografie, deren zentrales Element einer Umkleidekabine mit Spinden und Spiegeln nachempfunden ist, verwebt so die Kulturgeschichte des Iran mit der Familiengeschichte der Künstlerin, deren Großvater die Sportart selbst praktizierte. Eine Schwarz-Weiß-Fotografie, auf der er mit seinen Medaillen zu sehen ist, hat Naamani als Teil der Installation Who claims love (2025) auf ein Cape gestickt, das den traditionellen Trainingsgewändern nachempfunden ist. In jüngerer Zeit wurde die lange Zeit ausschließlich von Männern dominierte Praxis des Varzesh-e Pahlavani im Kontext emanzipatorischer Bewegungen im Iran auch von Frauen beansprucht.
Die Ausstellung wird in Kooperation mit Palais de Tokyo, Paris organisiert.